“Wir wollten bis zum Ende unmoralisch bleiben!”

Foto: Anne Kunzke

Foto: Anne Kunzke

“Paulette”-Regisseur Jérôme Enrico im Gespräch mit FranzösischerFilm.de über einen kleinen Film, der fast nicht zustande gekommen wäre und das Geheimnis seines Erfolgs.

 

FF.: Wenn man „Paulette“ sieht, wird schnell deutlich, dass dies kein Film über Drogen ist, sondern vielmehr von Armut handelt; von Menschen, die nicht mehr Teil unserer Gesellschaft sind oder es eben gar nicht erst dorthin geschafft haben. Doch es gibt noch ein Thema, das Ihnen scheinbar sehr wichtig war: Denn Paulette ist ja stark rassistisch eingestellt. Warum haben sie diese radikale Entscheidung für die Figur der Paulette getroffen? Dass diese alte Dame ein verbittertes Monster ist, würde das Publikum doch auch so verstehen…

Jérôme Enrico: Ja, wir waren da sehr radikal. Die Geschichte nahm ja ihren Lauf durch eine Pariser Zeitungsmeldung. Ich habe die Story dann zusammen mit drei Studenten vom École du Cinéma entwickelt und wir wollten unbedingt eine Komödie aus dieser Tragödie machen. Also haben wir alle Komödien-Register gezogen und nach Elementen gesucht, die im Film immer wieder eine Rolle spielen und an denen man die Entwicklung dieser Frau gut nachvollziehen kann. Z.B. dass sie irgendwann in ihrer Cité mit schwarzen wie weißen Dealern zusammenarbeitet, obwohl sie rassistisch gesinnt ist. All dies zeigt auch unser großes Anliegen, sie mit all ihren Widersprüchlichkeiten zu zeigen. So haben wir es ja auch mit allen anderen Figuren gehalten. Wir wollten sie niemals bewerten oder verurteilen. Bei „Paulette“ wurden wir sehr von den italienischen Komödien der 50er Jahre beeinflusst. Da sind die Figuren immer ein bisschen dumm oder spinnen rum, aber gleichzeitig ist man als Zuschauer sehr von ihnen berührt und liebt sie einfach. 

Paulette (Bernadette Lafont) betreibt Recherche. © Neue Visionen Filmverleih

Paulette (Bernadette Lafont) betreibt Recherche.
© Neue Visionen Filmverleih

Was den Rassismus betrifft, so habe ich viel an meine eigene Geschichte gedacht.  Meine Großmutter ist Italienerin und immigrierte in den 30er Jahren nach Frankreich und fand immer, es gäbe zu viele Araber dort. Genau um diesen schwachsinnigen Alltagsrassismus ging es mir, den man sogar bei Menschen entdecken kann, die eben selbst immigriert sind… Letztendlich führt auch „Paulette“ genau dies vor: Der Priester, dessen Messen sie besucht, stammt aus dem Kongo, ihre beste Freundin ist Spanierin – aber „bei denen ist das ja was anderes!“.

 FF.: Beim Entwickeln des Drehbuch, gab es da Bedenken oder Überlegungen, dass das politisch Korrekte am Ende doch zu kurz kommt und der Bogen einfach überspannt wird?

J.E.: Nein, diese Bedenken hatten wir nicht. Wir wollten bis zum Ende unmoralisch bleiben. Aber es stimmt schon, in Frankreich gab es durchaus Probleme – also viele Fragen – mit dem produzierenden Fernsehsender, mit dem Verleih usw. Am Ende konnten wir uns dennoch treu bleiben und ich denke, da liegt auch die Qualität des Filmes: Wir lieben diese Figuren einfach – ob sie Witze machen oder Mist bauen – und haben keine Abstriche gemacht. Wenn Paulette zusammengeschlagen wird, dann ist das sehr hart. Wir erzählen eben kein Märchen!

 FF.: Sie haben ja die Geschichte zusammen mit Studenten entwickelt. Kürzlich sagten sie in einem Radio-Interview, dass eine solche Zusammenarbeit stets eine Win-win-Situation sei. Sie bringen ihre Erfahrung ein, die Studenten ihre Jugend. Inwiefern hat dieser Generationen-Unterschied zum Erfolg von „Paulette“ beigetragen?

J.E.: Das hat mir sehr geholfen! Die Geschichte entstand ja überhaupt erst, weil die Studentin Bianca Olsen mit Zeitungsmeldung auf mich zukam. Dann arbeiteten wir ein Jahr an der Entwicklung der Story. Ich glaube, dass die Energie und Jugend dieser Studenten in dem Film drin steckt. Am Ende geht es ja bei „Paulette“ auch um das Zusammentreffen mehrerer Generationen: Der „Alten“, die nicht mehr gebraucht werden und die „Jungen“, die nicht anerkannt werden und in ihrer Cité abhängen. Es gibt nur sehr wenige Figuren in der „Mitte“. Dieser Bezug zum Alter war von Beginn an sehr wichtig bei unserer Arbeit am Film.

 FF.: Ich muss gestehen, dass ich etwas Angst hatte, Ihr Film würde am Ende in einer Art „Weltverbesserungsmoral“ baden gehen. Aber Sie haben eine gute Balance gefunden.

Hasch-Cookies statt Schwarzwälder Kirsch: Paulettes Freundinnen Lucienne (Dominique Lavant), Renee (Françoise Bertin) und Maria (Carmen Maura) steigen in den lukrativen Kuchenverkauf ein. © Neue Visionen Filmverleih

Hasch-Cookies statt Schwarzwälder Kirsch: Paulettes Freundinnen Lucienne (Dominique Lavant), Renee (Françoise Bertin) und Maria (Carmen Maura) steigen in den lukrativen Kuchenverkauf ein. © Neue Visionen Filmverleih

J.E.: Das war auch mit der schwierigste Teil der Arbeit. Wir wollten, dass Paulette immer jemand bleibt, die eine große Klappe hat, die am Ende immer noch findet, dass zu viele anders-farbige Menschen in Frankreich leben… Und deshalb wollten wir auch nicht, dass das Ende ein stark moralisches ist und Paulette womöglich noch im Gefängnis landet…

FF.: Bei ihrem ersten Film hatten Sie ja nur ein sehr kleines Budget zur Verfügung und filmten komplett mit Handkamera. Bei Paulette war es dann schon mehr und Sie konnten vielmehr Wert legen auf Licht, Szenenbild, Studiobau usw. Wir werden ihre nächsten Filme sein und woran arbeiten sie gerade?

J.E.: Dadurch, dass „Paulette“ so gut lief, habe ich es jetzt natürlich leichter. Es gibt da eine andere Komödie, die in der Ukraine spielt, in der es um ein 14-jähriges Mädchen und ihren Vater geht. Außerdem arbeite ich gerade an einem Thriller, in dem es um Waffenhandel geht.

FF.: Wie sehen Sie die Zukunft der Filmemacher bzw. des Filmemachens in Frankreich?

J.E.: Für mich herrscht da in Frankreich ein großes Paradox: Auf der einen Seite, sind wir in Europa das Land, das die meisten Filme produziert und in dem das Kino starken Schutz genießt; Aber gleichzeitig haben wir eine ziemlich eingeschränkte Diversität. Dadurch, dass in Frankreich vor allem die Fernsehsender die Filme produzieren, ist das Kino etwas uniform.

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© Neue Visionen Filmverleih

FF.: Finden Sie wirklich?

J.E.:  Ja, finde ich. Wenn wir nicht das Gespür eines so tollen Produzenten wie Alain Goldmann gehabt hätten, wäre „Paulette“ vielleicht gar nicht entstanden. Eine Oma, die Drogen verkauft – kein Sender, kein Verleih wollte da Geld hineinstecken. Er musste sie erst überzeugen.

Für mich existierte schon sehr lange dieses Paradox: Entweder ist man als Filmemacher sehr unabhängig und macht Filme – wie ich damals meinen ersten – außerhalb des ganzen Systems; oder man hängt eben da drin, in der „Gleichmachungsmaschine“.

J.E.: Man muss auch festhalten, dass meine Generation sehr inspiriert war von der – ich nenne das jetzt mal „Nouvelle Vague allemande“. Von Filmemachern wie Wim Wenders (Der Beginn), Fassbinder etc. Und ich bin mir nicht sicher, ob wir seit der Nouvelle Vague so etwas Ähnliches in Frankreich hatten. Es gibt hier eine große Kluft zwischen dem populären, kommerziellen Kino und dem Autorenkino. Was natürlich eine große Dummheit ist! Ich finde, dass es wichtig ist, Autoren auch zum kommerziellen Kino zu bringen. Lachen ist eine zu wichtige Sache, als dass man es immer nur nach den immer gleichen Rezepten hervorbringen sollte. Ich glaube übrigens, dass genau hier der Erfolg von „Paulette“ liegt. Dass wir in Form einer Komödie eine abstruse Geschichte erzählen, die jedoch darüber hinaus auch noch etwas zu sagen hat. Witzig ist, dass meine Familie genau diese Mischung repräsentiert. Meine Mutter kommt aus einem sehr intellektuellen Millieu, mein Vater war Sohn eines eingewanderten KFZ-Mechanikers und das Produkt – ich – erschafft „Paulette“.

 

Das Interview führte Anne Kunzke

 

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