Wettbewerbsbeitrag “À moi seule” – anders als erwartet

© Berlinale 2012

Gestern Abend um 22.30 Uhr lief einer der kontroversesten Filme des Wettbewerbs über die Leinwand des Berlinale Palastes: “A moi seule” (Coming home) von Frédéric Videau. Dass man Videau jedoch nicht gerecht wird, wenn man ihn sich als typischen provocateur seines Faches vorstellt, wurde schon vor Filmbeginn deutlich. So musste Berlinale Chef Kosslick den Regisseur in seiner Bescheidenheit fast schon aus dessen Kinosessel reißen, damit sich dieser noch mal dem Publikum präsentiert.

Was danach folgte, waren 90 Minuten, wie sie wohl kaum jemand von dieser Geschichte erwartete: Zu sehr erinnert die Story vom Entführer und vom entführten Mädchen an den Fall Natascha Kampusch. Zu viele Versatzstücke aus Medienberichten, zu viel Kopfkino macht sich bereits vor dem Schauen von “À moi seule” selbstständig. Und dann das: Videau zeigt Entführer und Entführte als überaus komplexes Beziehungsgefüge, in dem sich die Machtverhältnisse immer wieder umkehren, in dem sanfte Momente ebenso Platz finden wie grausame Gewalt. Und obwohl Gaëlle von ihrem Entführer eingesperrt und daher von ihm körperlich abhängig ist, entwickelt auch sie Machtstrategien. “Gaëlle ist der Eindringling in Vincents Leben, obwohl er sie entführt und es genau andersherum will. Aber eigentlich ist sie der Eindringling und daran wird er zugrunde gehen”, sagte Frédéric Videau auf der Pressekonferenz über die Figur der Gaëlle.

© Pyramide Distribution

Schon vorab machten Videau und seine Schauspieler_innen deutlich, dass trotz der Parallelen zum Fall Kampusch das Szenario etwas ganz anderes fokussiert. Videau betont, dass er nirgendwo recherchiert habe, weil er eine ganz andere Geschichte erzählen wollte. Lediglich die Stärke von Natascha Kampusch, ihr uneingeschränkter Lebenswille, habe ihn inspiriert. So zeigt uns Videau einen Entführer (großartig gespielt von Reda Kateb), der einerseits skrupellos und gewalttätig ist, andererseits aber eine Vaterrolle im Leben von Gaëlle einnimmt; ihr Essen kocht, das Autofahren beibringt, Diktate übt. Auf der anderen Seite zeigt er eine junge Frau (herausragend: Agathe Bonitzer), die klug genug ist, dieses Spiel mitzuspielen, aber auch stark genug, sich gegen ihren Entführer körperlich und psychisch zur Wehr zu setzen.

Das Erstaunliche an “À moi seule” ist, dass der Film keine Klischees ausschlachtet. Wir sehen keinen sexuellen Missbrauch, wir sehen kein entführtes Mädchen, das sich die Augen ausweint. Auch ist die Geschichte nicht etwa mit der wiedergewonnen Freiheit von Gaëlle zu Ende erzählt. Eher ist dies der Beginn eines Lebensweges, den sie erst wieder neu finden muss. Das Publikum begleitet Gaëlle auf diesem Weg und erlebt mit, wie die Gespenster der Vergangenheit dies umso schwieriger machen. Dabei existiert ein “Davor” und “Danach” nur äußerlich. Stetig werden die verschiedenen Zeitabschnitte miteinander verwebt, Videau erzählt die Geschichte nicht chronologisch. Dadurch scheint es jedoch manchmal, als wollte er gleich zwei Filme auf einmal erzählen.

Das Urteil der Jury für “À moi seule” darf jedenfalls gespannt erwartet werden. Wo kämen wir schließlich hin, wenn im Kino viel Mut und künstlerische Ambition bestraft würden?!

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