“Viele sagen, ‘Belle und Sebastian’ war ihre Kindheit!”

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Regisseur Nicolas Vanier mit “Sébastien” Félix (Copyright Ascot Elite)

Ein halbes Jahrhundert nach der einstigen Kultserie”Belle und Sebastian” (Belle et Sébastien) hat der französische Abenteurer und Dokumentarfilmer Nicolas Vanier einen daraus Film gemacht. Wir sprachen mit ihm darüber, wie er den Spagat schaffte, alle Generationen anzusprechen und Schauspieler Tchéky Karyo verriet, wie er durch seine Rolle als Großvater plötzlich begann, über das Alter nachzudenken.

FranzösischerFilm.de: Herr Karyo, Sie selbst sind Großvater und sagten, auch deshalb haben Sie die Rolle als Sébastiens Großvater akzeptiert. Was haben Sie denn von ihrer Opa-Enkel-Beziehung in die Rolle einfließen lassen? Und: Unterscheidet sich der Großvater Tchéky Karyo sehr vom Großvater „César“?

Tchéky Karyo: Ja! Im Gegensatz zum Film lebt mein Enkelsohn ja weit weg von mir. Aber die Rolle von „César“ zu spielen hat mich generell dazu gebracht, über mein Leben und meine Beziehung zu meinem Enkel nachzudenken. Kino kann so etwas sehr gut!  Der Film konfrontierte mich mit meiner eigenen Realität. Und meine Realität ist: Ich lebe wie ein 30-Jähriger – aber eigentlich bin ich 60!

Ich lerne zwar immer noch neue Dinge, aber vielleicht ist es auch der richtige Moment im Leben darüber nachzudenken, was es bedeutet, etwas weiterzugeben. Was bedeutet es, meine Erfahrungen mit jemandem zu teilen, gleichzeitig aber auch die Erfahrungen eines jungen Mannes oder einer jungen Frau heute zu akzeptieren. Denn wir leben ja zur selben Zeit in der selben Welt. Schauspieler zu sein ermöglicht mir genau diesen Austausch.

FF: Dann hat ihre Rolle im Film sie privat mehr beeinflusst als andersherum…

T.K.: Genau!

Tchéky Karyo als "César" (Copyright Ascot Elite)

Tchéky Karyo als “César”
(Copyright Ascot Elite)

FF: Allerdings sagten Sie kürzlich in einem Interview, dass die Natur eine große Rolle spielte bei der Entwicklung der Figur des Großvaters. Sie sagten ‘Die Natur gibt ihre eigenen Regieanweisungen!’. Ich kann mir gut vorstellen, wie der monatelange Dreh in den Bergen sich unterschiedlich auf ihre Bewegungen, Mimik und Sprache auswirkt. All dies sind jedoch sichtbare Prozesse. Was hat die Natur mit dem Innenleben von „César“ gemacht? Hat Sie ihre Sichtweise auf den Alten vielleicht sogar verändert?

T.K.: Im Frühling sind die Berge sanft, mild und einladend. Es gibt so viele Farben, so viele bunte Blumen. Viele kann man sogar essen oder zum Heilen verwenden. Diese Berge umarmen einen förmlich. Und wenn dann irgendwann der Winter kommt und man durch den tiefen Schnee stapft, es ist sehr kalt, es besteht Lawinengefahr… Man kann in ihnen verschwinden. Plötzlich haben die Berge also etwas sehr Gefährliches an sich! Daher denke ich, dass vor allem der Respekt eine große Bedeutung für César hat. Die Natur zu respektieren, sich selbst zu respektieren, die anderen zu respektieren. Denn die Wahrheit liegt eben nicht nur bei mir, sondern vielleicht auch bei dem- oder derjenigen, der oder die so ganz anders ist als ich.

Ich finde, dass diese Offenheit gegenüber dem Anderen im Film – auf unterschiedlichen Ebenen – sehr schön zum Tragen kommt: Nicht alle Deutschen waren eben Nazis, nicht alle Franzosen waren Mittäter… Es gab Menschen, die sich dagegen gestellt haben; Franzosen, die versucht haben, die Deutschen zu verstehen und andersherum. Am Ende lernen wir ja auch von unserer Geschichte!

FF: Auch „César“ ist keinesfalls perfekt dargestellt. Im Film sieht man ihn mit all seinen Schwächen. Aber eben auch als jemanden, der die Fähigkeit besitzt, seine Fehler anzuerkennen und so aus ihnen zu lernen.

T.K.: Genau das mag ich so an diesem Film. Man muss sich daran erinnern, dass man auch einmal Kind war. Und manchmal muss man eben auch die Demut besitzen, zu seinen eigenen Fehlern zu stehen. Ich erinnere mich an eine Geschichte mit meinem Vater. Als er mal wieder dabei war, mich über irgend etwas zu belehren und ich sehr wütend wurde, da schaute er mich eine Weile einfach nur an. Dann sagte er „Eh, eh, warte. Ich kann auch etwas lernen!“. Als mir mein Vater das sagte, war ich erschüttert und bewegt zugleich. Dass er als mein Vater zugab, er könne etwas von mir lernen – in diesem Moment hat er mir, ohne es zu wissen vielleicht, sehr viel beigebracht.

FF.: Ich persönlich gehöre nicht zu der Generation, die mit der Fernsehserie „Belle und Sebastian“ aufgewachsen ist. Das heißt, ich habe keinerlei nostalgische Verbindungen dahingehend. Darüber hinaus leben die Kinder der heutigen Zeit ja in einer Welt, die sich immer schneller zu drehen scheint. Sie sind abgeschnitten von der Natur statt mit ihr zu leben. Was glauben Sie, könnte diese beiden beschriebenen Generationen an der Geschichte von Belle und Sebastian überhaupt berühren?

Nicolas Vanier: Im Grunde ist der Film für eben zwei verschiedene Gruppen gedacht: Jene, die Belle und Sebastian kennen und jene, die sie eben nicht kennen. Natürlich haben wir beim Film immer auch an meine Generation gedacht. Sie sollte die Atmosphäre der Fernsehserie wieder entdecken können. Daher gibt es auch verschiedene Elemente, die jene Erinnerungen wieder aufleben lassen: Wir haben die Originalmelodie in der Musik verwendet, wir haben Mehdi (Mehdi El Glaoui: Darsteller des Jungen Sébastien in der Original TV-Serie, Anm. d. Red.) gebeten, einen Part zu übernehmen… Ich wollte, dass die Zuschauer diesem Film begegnen, als würden sie einen alten Freund nach 40 Jahren wiedertreffen!

Auf der anderen Seite ist es aber auch ein Film, der in seiner Form viel moderner ist als die Serie vor 50 Jahren. Das musste er auch sein für eine Generation von heute. Es freut mich sehr, dass die Großeltern mit ihren Enkelkindern den Film sehen. Sie erzählen mir häufig ‘Ich war vorher sehr skeptisch und hatte Angst, meine schönen Erinnerungen kaputt zu machen’. Aber dann – Überraschung – liebten sie den Film, sahen ihn sogar mit den selben Augen ihrer Enkel.

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FF: Die Original-Fernsehserie spielt ja in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Nun hätten Sie ja, um der jüngeren Generation einen Zugang zu verschaffen, sich auch dafür entscheiden können, ihren Film ins Heute zu verlegen. Stattdessen haben auch Sie den Schauplatz des Zweiten Weltkriegs gewählt. Warum?

N.V.: Dafür gibt es viele Gründe. Es fängt ja bereits damit an, dass ich für einen Film im Heute auch Skistationen samt Menschen mit super High-Tech Funktionskleidung hätte filmen müssen. Darauf hatte ich schon mal gar keine Lust! Außerdem war es eben wichtig, die Atmosphäre von damals wieder aufzufangen mit all ihren Farben, Materialien, auch ihren Lauten.

In der Serie nimmt außerdem die Geschichte des Widerstands gegen die Nazis durch eine Untergrundgruppierung einen wichtigen Platz ein. Die „Grenze“ und das „Abenteuer“ bekommen hierdurch noch einmal eine tiefere Bedeutung. Ich mag den Gegensatz zwischen einem besetzten Frankreich und einem überaus freiheitsliebenden Jungen. Ich glaube, dass dies schon immer die Spannung und Kraft der Geschichte ausmachte.

Und nicht zuletzt war mir sehr wichtig, eine Art Hommage an die Menschen in den Bergen zu schaffen. Sie waren sehr große Widerstandskämpfer. Oft im Schatten, denn sie stehen nicht gern im Mittelpunkt. Voilà.

FF: Herr Karyo, welche Erinnerungen haben Sie an „Belle und Sebastian“?

T.K.: Als die Serie lief war ich ungefähr 10 Jahre alt und ich erinnere mich, dass alle Mädchen in Mehdi verliebt waren und alle Jungen so sein wollten wie er. Ich war stets fasziniert von dem kleinen Jungen und seinem Freiheitsdrang, den er ganz rebellisch, aber immer auch liebevoll mit sich brachte. Ich habe die Serie nicht so streng verfolgt wie andere, aber dieser Sebastien und sein Hund sind immer in starker Erinnerung geblieben.

FF: Herr Vanier, Sie sagten, dass sie nach dem Film-Angebot Angst hatten, weil sie selbst noch so starke Erinnerungen an die Serie hatten. Jetzt, da Sie durch den Film ihre eigene Sicht auf Belle und Sebastian entwickeln konnten – wie haben sich da ihre Erinnerungen verändert? Sind sie gar verschwunden?

N.V.: Nein, das nicht! Aber es stimmt, ich war wirklich sehr angespannt. In Frankreich ist diese Geschichte so groß. Viele Menschen sagen, die Serie repräsentiere ihre ganze Kindheit. Das ist schon enorm. Daher hatte ich eben auch den Ehrgeiz, diese Menschen und ihre Erinnerungen nicht zu verraten. Insofern war es natürlich auch ein ziemlich riskantes Unterfangen, aber jetzt bin ich beruhigt.

FF: Dennoch haben Sie ja einige Änderungen, gerade bei den Hauptfiguren, vorgenommen. So wird beispielsweise der Großvater in ihrem Film viel ambivalenter gezeichnet…

 N.V.: Das meinte ich vorhin auch mit „Modernität“. Dazu gehört für mich, Figuren in ihrem komplexen Werdegang zu zeigen. Beim Großvater war diese Entwicklung besonders interessant – vor allem im Hinblick auf seine Beziehung zu diesem kleinen Jungen, in der ja beide viel voneinander lernen.

Vanier (links) mit Karyo (rechts) und Hund Belle (Copyright Französische Filmwoche)

Vanier (links) mit Karyo (rechts) und Hund Belle
(Copyright Französische Filmwoche)

FF: Herr Vanier, in Frankreich sind Sie ja sehr bekannt für ihre Expeditionen, bei denen Sie sich stets in eine große Abhängigkeit zur Natur begeben. Wie sehr haben solche Erfahrungen ihre Sicht auf die Beziehung zwischen Sebastian und Belle, also zwischen Mensch und Hund, geprägt?

N.V.: Ich glaube, um solch einen Film überhaupt machen zu können, braucht es jemanden, der die Berge liebt, der Hunde liebt, der Kinder liebt. All diese Faktoren führen nämlich schnell zu einem Dreh mit vielen Hindernissen. Ein Hund ist eben ein Tier, das Wetter in den Bergen nicht immer vorhersehbar… Ich hatte aber auch ein Team, dass zum Teil durch gemeinsame Expeditionen sehr geschult war mit solchen Widrigkeiten und den Gefahren. Das beruhigt natürlich ungemein während eines solchen Drehs.

T.K.: Durch seine vielen Expeditionen in Gegenden z.T. fernab jeglicher Zivilisation bringt Nicolas jenen Respekt mit, von dem ich vorhin sprach: Das Wissen, dass die Berge einen manchmal willkommen heißen, sich aber auch jeder Zeit gegen dich stellen können.      Und die Erfahrung, mit Tieren in der Natur allein zu sein. Das zu wissen, war notwendig um mit den Schauspielern überhaupt an solch Originalschauplätzen drehen zu können. Durch die Präsenz von Kindern und Tieren war das Ganze dennoch sehr organisch. Wir hatten auch keine Angst vor Reibungen. (Zu Nicolas Vanier) Stimmt doch, oder? Manchmal ging’s ja ganz schön schnell…

N.V.: (lacht)

T.K.: Naja, wir haben eben beide einen sehr starken Charakter…

 

Das Interview führte Anne Kunzke

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