Sie küßten und sie schlugen ihn (Les Quatre Cents Coups)

Filminformationen
Originaltitel: Les Quatre Cents Coups Frankreich 1959 Regie: François Truffaut Drehbuch: François Truffaut, Marcel Moussy Kamera: Henri Decaë Schnitt: Marie-Josèphe Yoyotte Produzent: François Truffaut Darsteller_innen: Jean-Pierre Léaud, Claire Maurier, Albert Rémy, Guy Decomble, Georges Flamant, Patrick Auffay u.a. Spieldauer: 99min Kinostart: 03.09.1959 (F) 20.10.1959 (BRD)

Inhalt

Der dreizehnjährige Antoine Doinel wächst in zerrütteten Familienverhältnissen auf. Von den Eltern vernachlässigt und von den Lehrern missverstanden, schwänzt er mit seinem besten Freund die Schule, geht ins Kino und hält sich mit Diebstählen über Wasser. Als er eine aus dem Büro des Stiefvaters entwendete Schreibmaschine zurückbringen will, wird er erwischt und landet in einer Erziehungsanstalt. Doch er läuft aus dem Heim davon und gelangt tatsächlich ans Meer, das er noch nie gesehen hat.

(Videomarkt)

Kritik

Truffauts Debüt- Film ist sehr stark autobiographisch gefärbt, er verarbeitet in ihm viele Erlebnisse aus Jugend.
Damit setzt er seine eigene Forderung, „daß der Regisseur nur das verfilmen sollte, was seinen eigenen lebensgeschichtlichen Erfahrungen entspricht” („Die Chronik des Films”), konsequent um. So wird Antoine von seiner Mutter ebensowenig geliebt wie der junge François. Antoines Mutter sieht in ihm mehr einen Laufburschen und Diener als ihren Sohn, was dadurch zur Geltung kommt, dass Antoine die meiste Hausarbeit verrichten muss. Indem Truffaut die Mutter praktisch nur in Imperativen zu ihrem Kind sprechen lässt, bringt er das Verhältnis der beiden sehr gut zum Ausdruck.
Auch seine eigene Schulzeit – er war ja kein besonders guter Schüler und mochte die Schule nicht sehr – bringt Truffaut in den Film ein; gleich zu Beginn wird Antoine vom Lehrer bestraft, als die gesamte Klasse ein anzügliches Frauen- Foto herumwandern lässt, er aber als einziger erwischt und bestraft wird.
Die Tatsache, dass Antoine sich recht leicht von seinem Freund René dazu überreden lässt, zu schwänzen, spiegelt auch die Gefühle des Regisseurs gegenüber der Schule, die dieser nie besonders ernst nahm, wieder. Antoine vergnügt sich lieber auf dem Rummelplatz und geht ins Kino, in die „Cinémathèque francaise” von Paris; dieses Kino war auch ein häufiger Aufenthaltsort des jungen François Truffaut. In dieser Szene verweist Truffaut übrigens auf ein Werk, das gerade erst entsteht, er lässt das Kino, das Antoine und René besuchen, Rivettes „Paris Nous Appartient” ankündigen – eine kleine Huldigung an seinen Freund. Und wie Truffaut Plakate, so stehlen Antoine und René ein Foto aus einem Kino.
Weitere Parallelen zwischen dem jungen François und Antoine sind ihr Interesse für Balzac und der Gefängnisaufenthalt.
Somit ist Antoine Doinel einer der persönlichsten und autobiographischsten Filmcharaktere überhaupt, er ist wahrhaftig das „Alter Ego” Truffauts.
Damit der Film, der ein an sich trauriges Grundthema („Junge hat Probleme zu Hause, begeht kleinere Delikte und kommt ins Gefängnis”) behandelt, nicht zu bedrückend gerät, lockert Truffaut die Handlung mit humorvollen und ironischen Szenen auf. Während eines Wandertages stehlen sich z.B. allmählich so viele Schüler davon, dass der Lehrer am Schluss dieser Sequenz nur noch einen Schüler hinter sich hat. Ironie blitzt auf, wenn Antoines Mutter, die ihn ja nicht gerade gut behandelt, sich wundert, dass ihr Sohn in seiner Ausrede sie und nicht ihren Mann sterben ließ.
Dass der Regisseur Antoine nicht nur als armes, unglückliches Opfer seiner Umwelt anlegt, sondern auch als rebellischen Jungen an der Schwelle zur Pubertät, verdeutlicht auch, dass Truffaut keinen traurigen Film drehen will, nicht nur Mitleid für Antoine fordert. Ein gutes Beispiel hierfür sind die Szenen, in denen es um einen Auto- Atlas geht, den Antoine seinem Stiefvater gestohlen haben soll. Dieser schlägt seinen Sohn sogar, da er denkt, Antoine belüge ihn in dieser Angelegenheit. Doch Antoine beteuert nach wie vor, er wisse nicht, wo der Atlas sei und der Zuschauer glaubt ihm, weil er das möchte, schon allein da er die Schläge des Vaters mißbilligt. Doch in einer späteren Szene taucht der Atlas wieder auf, und zwar in den Händen Antoines!

Szene aus "Sie küssten und sie schlugen ihn"

Szene aus

Auch die Tatsache, dass Antoine im Verlauf des Films mehrmals Diebstähle begeht, heimlich raucht, mit seinem Freund Wein trinkt, frech gegenüber anderen ist ( Er spricht einen männlichen Passanten auf der Straße mit „Madame” an) und sein freies Leben genießt, revidiert die Vorstellung des „unglücklichen Jungen” und betont seine rebellische, unangepasste Haltung.
Auch das optimistische Ende sorgt dafür, dass der Zuschauer das Kino nach Les quatre cent coupsLes quatre cent coups nicht allzu bedrückt verlässt.
Was die formale Gestaltung anbelangt, so werden technische Effekte, die „so gekonnt wie mutig eingesetzt” werden und Kamera, die „sich mit einer neuen Freizügigkeit durch die Straßen von Paris” bewegt, „andererseits dem Jungen bei seiner langen Konfrontation mit dem Psychiater starr in die Augen blickt”2, besonders gelobt. Szenen, in denen diese „neue Freizügigkeit” besonders zu erkennen ist, sind die Anfangssequenz, in der die Kamera eine lange Straße von Paris hinab- und schließlich unter dem Eiffelturm hindurch wandert oder die „Wandertags- Szene”, die komplett von den Dächern der Häuser aus gefilmt ist.

Kritiker sind der Meinung, „daß Truffauts Film als Vertreter der „Nouvelle Vague” deren Anspruch auf Lebendigkeit und persönlichem Gehalt in Form und Inhalt am besten einlöst.” ( “Die Chronik des Films”)

Sebastian Walter

Auszeichnungen

Cannes 1959: Beste Regie, Prix OCIC

Trailer

Französisch:

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