“Seit der Geburt meiner ersten Tochter will ich diese Erfahrung spielen!”

“Hallo! Jean-Pierre”, stellt sich der 2-Meter groß gewachsene Mann vor und schüttelt strahlend die Hände der wartenden Journalisten. Jean-Piere Améris, unter anderem Regisseur von “Anonyme Romantiker“, stellt in Berlin seinen neuen Film “Die Sprache des Herzens” (Marie Heurtin) vor; eine Geschichte über die taub-stumme und blinde Marie Heurtin, die in der kirchlichen Einrichtung für taube und blinde Mädchen aufgenommen wird und hier auf die Nonne Marguerite stößt, welche es sich zur Herzensaufgabe macht, Marie die Gebärdensprache zu lehren.

©Anne Kunzke

©Anne Kunzke

Basierend auf einer wahren Begebenheit im 19. Jahrhundert, inszeniert Améris unglaublich feinfühlig, jedoch ohne Pathos, die gemeinsame Geschichte dieser beiden Frauen. Trotz aller Poesie, die den Bildern innewohnt, ist er stets auf einen realistischen Blickwinkel bedacht. So kommt der Film mit nur wenigen gesprochenen Worten aus, die Kommunikation findet fast ausschließlich über die Körpersprache statt. Um so realistisch wie möglich zu drehen, castete Améris für die Rolle des Mädchens Marie Heurtin in vielen Einrichtungen für Gehörlose und fand in Ariana Rivoire seine Idealbesetzung: “Ein Kind zu finden, das in der Lage ist, eine gehörlose Blinde zu spielen, gleichzeitig ein wildes Kind ist, war die große Aufgabe.”

Den anderen kennenlernen - mit den Händen © 2014 Concorde Filmverleih GmbH

Den anderen kennenlernen – mit den Händen
© 2014 Concorde Filmverleih GmbH

Der Part der Schwester Marguerite wurde von der César-Preisträgerin Isabelle Carré übernommen, die in “Die Sprache de Herzens” in erster Linie mittels Gebärdensprache kommuniziert. Carré, die auch schon in Francois Ozons “Rückkehr ans Meer” (Le Refuge) als “echte” Schwangere mit Leib und Seele die schwangere Protagonistin spielte, stand somit vor einer neuen Herausforderung. Wie sie diese meisterte und wie die Arbeit am Film auch ihre Sicht auf die (Um-)Welt massiv veränderte, darüber haben wir mit ihr gesprochen.

FranzösischerFilm.de: Wie haben Sie sich mit Ariana Rivoire auf den Film vorbereitet, um diese besondere Beziehung zwischen den beiden sichtbar werden zu lassen?

Isabelle Carré: Als ich das Drehbuch las wurde mir klar, dass das Wichtigste sein würde, die Gebärdensprache so gut zu beherrschen, dass ich auch improvisieren und ohne Dolmetscher mit ihr kommunizieren kann. Ich sagte mir: Man kann so eine symbiotische Beziehung nicht darstellen, wenn da stets jemand zwischen uns übersetzen muss. Also hab ich sehr viel geübt und begann 6 Monate zuvor mich vorzubereiten. Parallel drehte ich ja auch noch! Aber insgesamt habe ich bestimmt 4 Monate lang dreimal pro Woche gelernt, auch ganz allein mit Hilfe von Lehr-Videos. Das war wirklich eine gute Idee! Am Ende der Drehzeit konnte ich mich gut ausdrücken. Da ja auch viele taube Schauspieler mit dabei waren, habe ich permanent geübt. Jetzt vergesse ich leider mehr und mehr, weil mir die Praxis fehlt, außer, wenn ich Ariana oder Noémie wiedersehe. Das lässt mich verzweifeln, denn es ist eine so schöne Sprache!

Schwester Margaret (Isabelle Carre) hat mit Marie (Ariana Rivoire) eine im wörtlichen Sinn schwere Aufgabe übernommen. © 2014 Concorde Filmverleih GmbH

Schwester Margaret (Isabelle Carre) hat mit Marie (Ariana Rivoire) eine im wörtlichen Sinn schwere Aufgabe übernommen.
© 2014 Concorde Filmverleih GmbH

FF.: Die Gebärdensprache eröffnet ja letztlich eine ganz eigene Welt. Was hat sie bei ihrer Entdeckung am meisten überrascht?

I.C.: Viele Dinge um ehrlich zu sein! Davor habe ich mich gefragt: Wann sehe ich sie eigentlich mal? Und mir wurde klar, dass ich sie niemals zu Gesicht bekomme oder höchstens von Zeit zu Zeit in der Metro. Man ist dann ganz erstaunt und schaut zu, weil es so schön und leidenschaftlich wirkt. Aber es bleibt eben etwas Seltenes. Sie bleiben viel unter sich in ihren Gemeinschaften, aber wir bemühen uns überhaupt nicht. Stets müssen sie auf uns zukommen. Es gibt nur wenige Menschen, die die Gebärdensprache erlernen. Ich habe das Gefühl, dass es an uns ist, sie abzuholen. Jean-Pierre (Améris, der Regisseur. Anmerkung d. Red.) und die Verleiher hatten eine ausgezeichnete Idee und beschlossen: Wir werden den Film mit speziellen Untertitel zeigen – und zwar bei jeder Vorstellung, nicht nur in der 15-Uhr-Vorstellung am Donnerstag. Gehörlose Menschen kennen das französische Kino überhaupt nicht, weil es fast nie Filme mit Untertitel gibt und sie sich deshalb englische Filme anschauen! Das war für mich eine enorme Überraschung! Ariana kannte nur sehr wenig. Gérard Dépardieu sagte ihr nichts! Sie haben eine andere Kultur. Eine für Gehörlose von gehörlosen Künstlern. Sie nehmen die Welt auf andere Weise wahr, sie drücken sich viel direkter aus, bar jeder Bewertung oder Demütigung. Meinen Namen kann ich so oder auch so ausdrücken. (Isabelle macht einige Handbewegungen)
Und wenn man jemanden als dick beschreiben will, dann geht das so:
(Um zu sehen, was Isabelle zeigt, bitte dieses Video anschauen: http://www.lsfdico-injsmetz.fr/recherche-alphabetique.php?mot=1882&lettre=g)
Aber das hat nichts Beleidigendes. Sie haben da einfach eine andere Sichtweise, ohne Verbitterung und ohne Zynismus. Zu wissen, dass es eine ganz eigene Kultur gibt, war für mich eine große Entdeckung.
Und auch zu erfahren, dass die Gebärdensprache in den Schulen bis in die 90er Jahre hinein verboten war. Als eigenständige Sprache, also als eine, die man auch in der Schule erlernen kann, wurde sie erst 2005 anerkannt. Das ist doch verrückt! Aber all das weiß man nicht. Es war auch ein Schock für mich, dies zu erkennen. Dabei ist Frankreich das Land, welches mit als erstes die Weichen für die Entwicklung dieser Sprache stellte. Darauf sollten wir stolz sein. Übrigens ist ja Schwester Marguerite, Zeitgenössin von Helen Keller, eine weitaus weniger bekannte Persönlichkeit. Weil sie eben sehr bescheiden war und sogar einen Preis, den man ihr verleihen wollte, ablehnte.

FF.: Worin bestand für Sie die größte Schwierigkeit bei der Interpretation der Rolle von Schwester Marguerite?

I.C.: Auf jeden Fall in unseren Kämpfen! Das war hart. Es gibt sehr viele Szenen voll von körperlicher Konfrontation und Ariana, die ja keine Schauspielerin war, schaffte es nicht so recht ihre Kraft zu dosieren. Außerdem wollte Jean-Pierre auch, dass es sehr realistisch wirkt. Ariana hatte eine bewegte Kindheit. Sie trägt eine regelrechte Gewalt in sich, die sie an dieser Stelle wieder raus lies. Sie hat damit an ihre Kindheit angeknüpft. Jean-Pierre spürte ja nicht umsonst, dass sie die Richtige sein würde für die Rolle. Plötzlich war diese Gewalt eben da und das gab ihr eine unglaubliche Stärke. Ich war völlig fertig!

Schwester Marguerite (Isabelle Carré) - geduldig und hoffnungsvoll © 2014 Concorde Filmverleih GmbH

Schwester Marguerite (Isabelle Carré) – geduldig und hoffnungsvoll
© 2014 Concorde Filmverleih GmbH

FF.: Als Schauspielerin sind Sie es gewohnt, neben Ihrem Körper vor allem mit Ihrer Stimme zu arbeiten. Jetzt, wo Ihnen dieses Instrument quasi versagt blieb, wie war das für Sie? Inwiefern hat sich der Unterschied bemerkbar gemacht?

I.C.: Es gab keinen. Wir kommunizierten die ganze Zeit! Ich bin gern konzentriert, mag es aber auch mich zu unterhalten und herumzualbern. Und das haben wir getan. Ich hatte nicht das Gefühl, dass irgendetwas anders war, was die Ausdrucksfähigkeit betrifft. Ich fühlte mich wirklich frei. Vielleicht auch dank meiner Vorbereitung. Denn ab der zweiten Unterrichtsstunde in Gebärdensprache hatte ich keinen Dolmetscher mehr. Mein Lehrer verbalisierte gar nichts, also sagte ich mir: Ich werde einen Zettel und Stift bereit halten, sodass ich wenigstens irgendeine Möglichkeit haben würde, falls wir uns nicht verstehen. Ich war ja auch ganz schön nervös.
Doch letzten Endes war dann alles so einfach und selbstverständlich! Ich fand es nicht eine Sekunde ermüdend. Diese Botschaft würde ich gern weitergeben. Man hat so viele Befürchtungen wenn man mit jemand Gehörlosem in Kontakt kommt. Man fragt sich: Wie soll das bloß funktionieren? Dabei ist es überhaupt nicht so schwierig, wie man sich ausmalt.
Ein Spezialist auf dem Gebiet erzählte mir, dass Taubheit von allen Behinderungen am wenigsten wahrgenommen wird, weil sie einfach nicht sichtbar ist. Das ist wohl das größte Problem. Gehörlose Menschen betrachten sich selbst auch nicht als behindert, sondern nehmen es als Teil ihrer Identität. Wir sehen das natürlich anders, so fixiert wie wir auf Worte sind – sehr kartesisch ist das! Und genau davon erzählt der Film auch, dass es eben auch andere Kommunikationsformen gibt. Das war Jean-Pierre ja schon bei „C’est la vie“ wichtig, wo er von Menschen am Ende ihres Lebens erzählte. Man kann immer kommunizieren.

FF.: Sie sind Mutter von drei Kindern. Die Beziehung zwischen Schwester Marguerite und Marie erinnert ja in vielerlei Hinsicht auch an eine Mutter-Tochter-Beziehung. War Ihnen da die Erfahrung der Mutterschaft bei der Entwicklung ihrer Rolle eine große Hilfe?

I.C.: Ja sehr! Als ich das Drehbuch las, gab es vor allem zwei Dinge, die mich sehr berührt und schon beim Lesen zum Weinen gebracht haben. Das war zum einen die Gebärdensprache. Ich sagte mir: Was für ein Glücksfall! Eine großartige Gelegenheit. Zum anderen war da eben die Mutterschaft. Nach der Geburt meiner ersten Tochter dachte ich: Ich will das hier irgendwann mal spielen. Das, was ich hier gerade erlebe – diese unglaubliche Revolution. Schwester Marguerite verpflichtete sich als Nonne ja eigentlich keine Kinder zu haben und plötzlich bricht etwas auf sie herein, das sie niemals erwartete und was sie komplett verändern würde. Da ist nicht einfach nur ein taubes, blindes Mädchen, das ihre Weltsicht auf den Kopf stellt, da vollzieht sich eine regelrechte innere Revolution.

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