Monsieur Lazhar

© Arsenal Filmverleih

 

Inhalt

Simon (Émilien Néron) entdeckt sie im Klassenzimmer: seine Lehrerin Martine, mit einem Schal erhängt. Diese menschliche Katastrophe versucht die Schulleitung dann mit einer neuen Zimmerfarbe und einer Psychologin aufzuarbeiten. Und mit einer neuen Lehrkraft, dem Algerier Bachir Lazhar (Fellag).
Nach einem Stück von Evelyne de la Chenelière.

Kritik

„Monsieur Lazhar“ – wie der frankokanadische Regisseur Philippe Falardeau sogar schweren Themen Leichtigkeit verleiht

„Kannst du gut schlafen? Hast du Alpträume?“ fragt der 11-jährige Simon seine Mitschülerin Alice. Die beiden hatten einige Wochen zuvor ihre Klassenlehrerin erhängt im Klassenraum aufgefunden. Seitdem sind Schüler und Lehrer schwer bestürzt. Schnell soll eine neue Lehrkraft gefunden werden und dort weitermachen, wo die Kinder auf tragische Weise ein Stück ihrer unbefangenen Kindheit verloren haben.

Bachir Lazhar bekommt die Stelle. Vieles an ihm scheint zunächst unüberbrückbar anders: seine Herkunft – der 55-Jährige stammt aus Algerien –, seine veraltet wirkenden Lehrmethoden und sein strenger Lehrplan machen es den Schülern nicht leicht, ihn als ihren neuen Klassenlehrer zu akzeptieren. Doch Lazhar und die Kinder verbindet etwas sehr Starkes miteinander. Auch er hat in seiner Heimat Schreckliches durchgemacht. Auch er wird von einem Freund gefragt „Kannst du gut schlafen? Hast du Alpträume?“. Und so wird ausgerechnet die Trauer zum Bindeglied zwischen der Erwachsenenwelt und der Kinderwelt. Lazhar setzt bei seinen Schülern dort an, wo alle anderen schweigen. Er spürt das Mitteilungsbedürfnis der Kinder und arbeitet gegen die Verdrängungsmechanismen einer gesamten Schule, dabei kämpft er noch gegen den stärksten Widerstand: sich selbst.

Regisseur Philippe Falardeau hat mit „Monsieur Lazhar“ einen außergewöhnlichen Film geschaffen. Trotz der existenziellen Themen wie Tod und Verlust versinkt die Erzählung niemals in einer bedrückenden Schwere, sondern traut sich sogar Komik und Leichtigkeit zu. Damit ist Falardeau ein sensibler Spagat zwischen zusammengehörigen, aber schwer vereinbaren Welten gelungen: Glück und Trauer, Erwachsensein und Kindheit, Leben und Tod, Vergangenheit und Zukunft. Das Großartige an seinem Bachir Lazhar (einnehmend gespielt von Fellag) ist, dass dieser bei weitem kein Heilsbringer ist, kein Gutmensch im eigentlichen Sinne. Damit entgeht der Film sämtlichen Klischee-Fallen und ist dabei ungemein feinfühlig inszeniert, subtil einerseits und dennoch von einer überraschenden Klarheit. Falardeaus Auszeichnungen und die Oscar-Nominierung 2012 für diese zarte und ruhige Erzählung sind absolut gerechtfertigt!

Anne Kunzke

 

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