Interview mit Frédéric Jaeger, Chefredakteur critic.de

Frédéric Jaeger, Chefredakteur  critic.de (copyright: Frédéric Jaeger)

Frédéric Jaeger, Chefredakteur critic.de (copyright: Frédéric Jaeger)

Interview mit Frédéric Jaeger, Chefredakteur des Online-Kinomagazins critic.de und Jurymitglied des Dialogue en Perspective, im ersten Jahr seines Bestehens, 2004

Er war dabei als das Abenteuer “Dialogue en Perspective” noch in den Kinderschuhen steckte: Frédéric hatte ein ideales Profil, um als Jurymitglied ausgewählt zu werden: Seine Familie ist deutsch-französisch und damals studierte er schon Philosophie und Filmwissenschaften. Parallel dazu arbeitete er an einem Dokumentarfilm über junge Schauspieler, die alles tun, um auf Filmfestivals bemerkt zu werden. Schon zu Schulzeiten veröffentlichte er Texte übers Kino in verschiedenen Zeitschriften und moderierte im Alter von 15 Jahren eine Fernsehsendung auf dem Regionalsender RTL München Live, in der er neueste Kinofilme vorstellte.

Heute ist er Chefredakteur des von ihm gegründeten Online-Kinomagazins critic.de.

Daneben leitet er Jugendjurys mit Deutschen und Franzosen, so wie beim Festival des Deutschen Films in Paris, bei den Französischen Filmtagen in Tübingen und der (Ganz) Jungen Kritik in Cannes. „Flammend’Herz” von Andrea Schuler war der Film, der 2004 den Preis „Dialogue en Perspective” gewonnen hatte.

Welche Erinnerungen hast Du noch an deine Zeit als Mitglied der Jugendjury?

Auch wenn ich schon als Zuschauer auf die Berlinale kam, war es eine beeindruckende Erfahrung in die Rolle eines Jurymitglied zu schlüpfen. Wir waren einerseits ziemlich eingespannt und doch auch frei in der Gestaltung unseres Programms. Was mir besonders in Erinnerung geblieben ist, waren die Diskussionen untereinander in der Jury. Jeder war gezwungen seine Meinung zu äußern und sich die Ansichten der Anderen anzuhören. Im « wirklichen Leben » läuft es nicht so. Wenn man da aus einer Kinovorstellung kommt und dann nicht die gleiche Meinung hat wie seine Freunde, die keine « Kritiker » sind, dann redet man lieber nicht darüber.
Wie kommst du zu einem Urteil über Filme, die du dir anschaust?

Viele denken, es geht dabei um eine Frage des Geschmacks. Das glaube ich aber nicht. Bei jedem Film muss man sich zwei wesentliche Fragen stellen: Was will der Film erreichen? Und gelingt es ihm? Anders gesagt « funktioniert  er » ? Bei verschiedenen Filmen, sind verschiedene Kriterien wichtig, um ihn zu beurteilen: Drehbuch, Darsteller… Natürlich kommt dazu eine subjektive Dimension bezüglich des Films. Man kann sich niemals ganz von seinen Idealen losmachen, seien sie politisch oder anderer Art.
Was ist für dich ein guter Kritiker?

Jemand, der beobachtet, muss einen bestimmten Abstand gewinnen und die Dinge nach solchen Kriterien beurteilen, die ich eben nannte. Die Gefahr besteht darin, zynisch zu werden und alle Filme sehr streng zu beurteilen. Ein guter Kritiker weiß auch, wie er sich auf einen Film einlässt, auch Platz für seine Emotionen einräumt.
Was rätst Du den sieben Mitgliedern der Jury für die kommenden Tage?

Sie sollen von der Gemeinschaft profitieren, sich innerhalb der Gruppe inspirieren lassen von den Persönlichkeiten der Anderen und möglichst viel zusammen erleben. Sich gegenüber jedem Film offen zeigen und jedem die gleichen Chancen einräumen. Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass man in der Regel mit dem ersten und letzten Film härter ins Gericht geht.

Und wie ist dein Rat an all jene, die Filmkritiker werden wollen?

Denen rate ich, sich möglichst schnell was anderes zu suchen (lacht).

Nein, ganz im Ernst – man muss sich klar machen, dass es sehr schwer ist, von diesem Beruf zu leben. Aber wenn man es wirklich will, dann sollte man versuchen, sich ein großes Wissen über Film anzueignen, regelmäßig ganz verschiedene Publikationen rund um das Kino zu verfolgen und natürlich sollte man schreiben, schreiben, schreiben…

Text und Interview: Eva John

Übersetzung: Romy Straßenburg

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