Herzensbrecher (Les amours imaginaires – Heartbeats)

© good!movies

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Kritik

Warum nur sind in diesem Film alle Menschen so verdammt schön? Tatsächlich wirkt der neue Film von Xavier Dolan oft wie ein bewegter Bildband; ein musikalisch untermaltes Pop Up, bei dem jeder Zigarettenstummel, jeder Lichtschalter, kurz: jedes noch so kleine Detail die Ästhetik der Warhol‘schen Alltagskunst ausstrahlt. Fast schon möchte man ausrufen: „Vergesst das mit dem ‚Regie-Wunderkind‘!“ – so „schön“, wie Dolan seinen Film poliert hat, kann das Leben nicht sein und die unerfüllte Liebe schon gar nicht. Alles nur Pseudo-Ästhetik, oder?
Was aber, wenn es Dolan gar nicht darum geht, ein präzise gezeichnetes Psychogramm seiner zwei liebeskranken Hauptfiguren zu zeichnen, sondern um die glänzende Oberfläche: das Verliebtsein in die Liebe? Dolan sagte dazu in einem Interview: „Ich wollte mit diesem Film nur zeigen, wie seicht wir in der Liebe sein können. Darum ist es glaube ich nur folgerichtig, dass der Stil wichtiger sein würde als der Inhalt.“ Und so zitiert Dolan in seinem Film wild aus Film, Literatur, Musik und Mode, zeigt Audrey Hepburn und Spok, spricht von „Marshmallows“ und „Vintage“, lässt Songs von Bach, Sting, The Knife und Dalida erklingen. Selbst in den eher kurzen Dialogen klingen manche Sätze wie berühmte Zitate: „Braune Augen muss man intellektuell kompensieren können“ ist so einer. Die Liebe als Kind der Popkultur – Dolan zeigt sie in vielen Facetten, mal eifersüchtig fordernd, leidenschaftlich, nachdenklich und komisch, stets aber als Projektion der eigenen Bedürfnisse. Denn die Gefühle der Protagonisten haben viel mit Konsumsucht gemein: „Das hält mich am Leben bis ich sterbe“ erklärt Marie ihren Zigarettenkonsum.
Oft gleiten die Filmszenen in einen Zeitlupen-Modus. Die Spannung der Figuren zwischen Erwartungshaltung und -erfüllung wird dann beim Zuschauer potenziert und das Raum-Zeit-Gefühl ein wenig aus den Angeln gehoben. Alles scheint ein bisschen dramatischer, echter, toller als es in Wirklichkeit ist. So ist es wohl auch kein Zufall, dass beim gemeinsamen Versteckspiel im Wald Francis ausgerechnet einem weißen Kaninchen begegnet, dem er wie Alice im Wunderland hinterher läuft und dabei am Ende des Weges schmerzlich erfahren muss, wie nah Wunsch und Einbildung in der Liebe beieinander liegen – und welche Rolle die Zeit dabei spielt.
Die Liebe, die Dolan in „Herzensbrecher“ zeigt, ist keine einzigartige. Sie ist der kleinste gemeinsame Nenner all jener, die sich am Ende des Tages einfach ein gewärmtes Bett wünschen und jemanden, „der den Bösewicht vertreibt“, wie Marie einmal sagt. Da ist die Einmaligkeit der Liebe schon auf eine universelle Märchenmetapher reduziert. Xavier Dolan spielt gern mit Kitsch. Wo in seinem Film-Debut „I killed my mother“ noch jedes Wort mit einer kraftvollen Ernsthaftigkeit wie Dynamit umhergeschleudert wurde, geht es in „Herzensbrecher“ mehr um Blicke, um den Schein oder – um beim Konsum zu bleiben – dem image des Produkts. Dass man dies beim Schauen des Films oft vergisst, zeigt, dass Dolan ein großartiges Gespür dafür hat, wie sehr wir unsere eigenen Liebesutopien mögen.

Anne Kunzke

Presse

Eine unwiderstehliche, exquisite Komödie!
LES INROCKS
Ein hinreissendes Pop-Juwel, ein wahrer Genuß!
LE MONDE
HERZENSBRECHER ist noch besser als I KILLED MY MOTHER!
SPIEGEL ONLINE
Hier ist tatsächlich ein Wunderkind am Werk!
ZEIT ONLINE

Trailer

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2 Comments

  1. Jorinde 8. April 2012
  2. hk 10. April 2012

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