Gemetzel mit Kakao. Wie die schwarze Komödie „Kill me please“ die belgische Film-Tradition fortführt.

Olias Barco und Zazie de ParisFoto: Anne Kunzke

Interview mit dem Regisseur Olias Barco und der Schauspielerin Zazie de Paris

Olias Barco spricht gern und viel. Als er an diesem Abend nach der Premiere seines Films „Kill me please“ im Berliner Kino „Central“ vor dem Publikum steht, möchte er am liebsten gar nicht mehr gehen. Neben ihm steht und übersetzt die Schauspielerin Zazie de Paris, im Film als sterbewillige Madame Zaza zu sehen. Beide scherzen und herzen unentwegt und man bekommt schnell eine Ahnung, wieviel Spaß ihnen der Dreh zu „Kill me please“ bereitet haben muss. Ein Dreh unter Freunden sei es gewesen, mit alten Bekannten des belgischen Kinos wie Benoît Poelvoorde, Bouli Laners, in einem Luxushotel in der Nähe von Namur. Jeden Tag wurde hier das Kunstblut aus Kakaopulver und Wasser frisch angemischt und nach bereits 14 Tagen war alles im Kasten – eine Kostenfrage, genau wie die Entscheidung alles in schwarz-weiß zu drehen.
Dass eine schwarze Komödie über Suizidwillige in einer Klinik die Zuschauer weltweit polarisiert, überrascht kaum. Dass aber ausgerechnet der Vatikan erkannte, dass „Kill me please“ eigentlich mehr ein Film über das Leben denn über den Tod ist, enttäuschte Barco fast ein bisschen, wie er lachend zugibt. Beim Filmfest in Rom erhielt er 2010 den Preis für den besten Film. Nach der Premiere in Berlin sprach FranzösischerFilm.de mit dem französischen Regisseur und eine der Hauptdarstellerinnen Zazie de Paris über ihren Film und darüber, warum die belgische Filmszene der französischen einiges voraus hat.

Vor der Vorführung heute sagtest du dem Publikum, die erste Hälfte deines Filmes sei französisches, intellektuelles Kino und die zweite Hälfte des Filmes sei belgisch…

Olias Barco: Das war kein Witz! Ich habe das so gesagt, weil der Film ganz spezielle Kritiken erhalten hat. Einige waren hin und hergerissen, andere haben den Film total niedergemacht. Besonders interessant daran ist jedoch, dass die Kritiker die erste Hälfte lieben, welche ja so „ernsthaft“ sei – obwohl sie das ja überhaupt nicht ist! Deshalb fand ich die Premiere heute Abend auch so toll, weil die Leute von Anfang an meinen schwarzen Humor geschätzt haben und sofort spürten, was ich da eigentlich will.
Die Franzosen aber nehmen alles wörtlich. Französische Kritiker lieben Filme, wenn sie sehr gesetzt, analysierend und verständnisvoll sind. Sehr intellektuell eben.

Solche Momente, wie wenn in „Kill me please“ Rabelais und Molière zitiert werden…

O.B.: Genau. Im Klartext heißt das: man nimmt sich Zeit, man erklärt sich, man ermüdet… Und deshalb lieben die Franzosen auch den ersten Teil meines Filmes. Sie fragen dann immer, weshalb der zweite Teil so ausbricht. So als ob ein Fenster plötzlich aufgestoßen wird, explodiert und sich dem totalen Wahnsinn öffnet. Das ist ein bisschen so, als wäre der Film in sich geschlossen. Einige Franzosen haben das einfach nicht begriffen. Deshalb kann ich jetzt im Nachhinein, nach eineinhalb Jahren, gut und gerne sagen, dass die erste Hälfte des Filmes französisch und die zweite belgisch ist. Letzteres, weil man Spaß dabei hat, vom ursprünglichen Thema auch mal abzudriften, es zu aufzubrechen.

Wieso gab es die Entscheidung, den Film so kippen zu lassen? Es gibt ja viele grausame Szenen in der zweiten Hälfte…

O.B.: Für mich ist diese zweite Hälfte gleichzusetzen mit dem Leben, das wir alle führen. Zuerst scheint alles ganz ruhig und dann plötzlich entgleitet alles. Es geht ja auch darum, dass die Menschen im Film ihren Tod mithilfe von Geld kontrollieren wollen, jedoch schließlich an den Punkt gelangen, an dem sie merken, dass sie das nicht können. Da wollen sie dann plötzlich nicht mehr sterben. Ich sehe da immer unsere Konsumgesellschaft, die genau das eine Sofa aus dem Ikea-Katalog haben will, aber wehe, es stimmt nicht mit ihrer Vorstellung überein. Dann wird sich beschwert. Letztendlich geschieht mit den Selbstmordpatienten das Gleiche. Diese Verbindung zwischen Leben und Tod hat mich am meisten interessiert.

Mir hat mal jemand gesagt, dass er beim Thema „Belgien“ immer an zwei Dinge denken muss: 1. an Waffeln 2. an dreckige Orte. Und so bizarr das vielleicht klingen mag, so könnte man in diesen Klischees sogar Parallelen zum belgischen Kino der letzten Jahre entdecken, vor allem zu den Komödien. Hier scheint ja immer etwas Schönes, Wunderbares und Witziges in den schrecklichen, angsteinflößenden und hässlichen Dingen des Lebens zu liegen…

Zazie: Also, ich finde grundsätzlich überhaupt nichts Schlechtes an Schmutz. Ich mag ja auch stinkenden Käse. (lautes Gelächter auf beiden Seiten). Wer es klinisch haben will, der muss eben ins Krankenhaus oder zum Flughafen. Ich mag das nicht.

Aber so wie du, Olias, mal vom „schweizerischen Geist“ gesprochen hast, müsste es doch auch einen esprit belgique geben…

O.B.: Das hatte ich so nicht gemeint. Ich finde aber, dass die Schweizer gut dabei sind, wenn es darum geht, etwas zu klassifizieren und zu beschränken. Das machen sie mit Drogenabhängigen, Suizidgefährdeten… Weil sie ihnen Angst machen. Sie haben Angst vor dem Nichts, Angst vor der Zukunft. Heroinabhängige kriegen ihr Heroin – aber unter Kontrolle. Menschen können sich umbringen – aber unter Kontrolle. Beim Verein Dignitas, der mich ja zu meinem Film inspiriert hat, kann man seinem Leben ein Ende setzen. Man geht dorthin und sagt „Es geht mir nicht gut, ich will sterben“ und bekommt das Recht dazu, zu sterben. Und am Ende landet man dann wieder schön klassifiziert in ihren Statistiken. Die Schweiz ist ein zauberhaftes Land, aber scheint mir insgesamt eher kalt zu sein, wenn es um menschliche Abweichungen von der Norm geht. Das wird dann eben katalogisiert. Letztendlich verspotte ich diese Seite in meinem Film.

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