Gainsbourg. Der Mann, der die Frauen liebte.

© Universal Pictures International France

 

Kritik

Eigentlich ist nach den ersten zwanzig Film-Minuten alles erzählt. Jede Geste, jedes Wort, jeder Blick scheint auf all das zu verweisen, was im Leben des Lucien Ginsburg einmal von Bedeutung sein wird. Wie lässig der strubbelhaarige Junge mit abstehenden Ohren eine Zigarette zwischen seinen Fingern balanciert; wie er die Hand des Mädchens an seiner Seite tätschelt, das ihn aber zu hässlich findet; wie er freudig erregt mit einem Sherrif-Stern durch die Straßen läuft, der eigentlich ein David-Stern ist – stets sind es die Mädchen, die Drogen und die Hässlichkeit in jedweder Form, die ihn heimsuchen werden. Und der grenzenlose Hang zur Romantik, der ihn trotz allem immer weiter treibt und als Mythos in die Popgeschichte eingehen lässt: als Serge Gainsbourg.
Regisseur Joann Sfar wollte einen Film über sein großes Vorbild drehen, ohne dabei in die Falle zu tappen, die so manchen Film-Biografien zum Verhängnis wird. Das Leben chronologisch nach zu erzählen und dabei detailgetreu an der Realität haften zu bleiben, kam für ihn nicht Frage. Sein Gainsbourg (grandios gespielt von Éric Elmosnino) sollte wie ein Held aus einem Werk von Dostojewski sein. Einer, „der leidet und trotzdem brennende Kohlen in den Händen hält“.
Und Gainsbourg leidet. Zwischen Größenwahn und Selbstzweifeln versucht er während seines gesamten Lebens, einem Getriebenen gleich, seiner selbst zu entfliehen und sich dennoch treu zu bleiben. Er ist die Marionette seines Alter Egos, ein im Laufe seiner Kindheit entsprungener überdimensionaler Mephisto, den Regisseur Sfar als Riesenfratze einer Gainsbourg-Karikatur aufleben lässt. Seine eigene gueule -“die Fresse“ – ist Gainsbourgs ständiger Begleiter und vielleicht das geeigneteste Bild um den Film von Joan Sfar zu umschreiben. Dass Sfar bisher als Comiczeichner arbeitete, merkt man dem Film an: Es ist eine andere Bildlichkeit, die „Gainsbourg“ prägt. Eine, die fast szenarisch und bildlicher als üblich erscheint. Sie lädt ein zum Zurückblättern und Vorschauen. Sie ist dort stumm, wo vielleicht viel gesagt wurde und erzählt, was womöglich nie ausgesprochen wurde. Sfar sieht sich selbst als ein Verfechter der Lüge, weil mit der Wahrheit niemals der Mythos eines Serge Gainsbourg wiedergegeben werden könne.
Dabei nimmt er sich viel heraus. Aber eben nicht alles. Die Geschichten, die uns Sfar zu den Bildern von Gainsbourgs Kindheit und Jugend liefert, reißen deshalb mit, weil sie so noch nie erzählt wurden. Während das erste Drittel seiner Hommage also dem Begriff des „Kopfkinos“ durchaus eine weitere Konnotation zu geben vermag, krankt das darauf folgende am Biopic-Syndrom, sämtliche Lebens-Etappen wie Eckpfeiler zu markieren. Und die lesen sich bei Gainsbourg eben in Frauen-Namen: France Galle, Juliette Gréco, Brigitte Bardot, Jane Birkin. Sfar liefert hier in erster Linie nur noch Bilder zu bereits bekannten Geschichten. Zwar ist Gainsbourgs „Fresse“ noch immer sichtbar, aber statt sie in einer Art Zwischenwelt zu belassen, holt Sfar sie zunehmend in die Realität. Das wirkt albern und nervt manchmal. Sfar hätte uns Zuschauern durchaus konsequenter zutrauen können, dass wir unsere ganz eigene (Bild-)Geschichte von Serge Gainsbourg zusammensetzen können. So bleibt er letztendlich doch nur der sagenumwobene Held, den immer wieder das selbe Schicksal ereilt.

Anne Kunzke

Presse

Ein ultrapersönliches Biopic; dieser Film ist elegant und spritzig, spielerisch und ernst, schwer und leicht zugleich, wie Gainsbourg es auch war. (…) Ein totaler Erfolg. (Les Inrockuptibles)

Besonderheiten

 

Trailer

3.035 Aufrufe
Werbung:

Kommentar verfassen