Französische Filmtage Tübingen | Stuttgart eröffnet

Ab 1. November ist es wieder soweit: die größte frankophone Filmschau in Deutschland ist eröffnet.

Die 34. Französischen Filmtage reisen nach Quebec. Die kanadische Provinz ist Gastland und Schwerpunktthema des diesjährigen Festivals.

Einen Querschnitt durch die aktuelle Filmproduktion des frankophonen Afrika gibt es im „Fokus Afrika“, verbunden mit einer Diskussion über das zeitgenössische afrikanische Kino und dessen Rolle in der Gesellschaft.

Internationaler Wettbewerb

Die neun Produktionen, die in diesem Jahr um den Filmtage-Tübingen-Preis konkurrieren, repräsentieren das junge frankophone Kino zwischen Belgien und Algerien. Ungewöhnliche Themen, spannende Bildsprache, neue Gesichter – Kino weit weg vom Mainstream und mitten aus der Welt.

Neue Filme: Horizons

Die Französischen Filmtage bieten mit ihrer Reihe „Horizons“ einen Querschnitt durch die gesamte Bandbreite des frankophonen Films. Der subtile Thriller „La mécanique de l’ombre“ von Thomas Kruithof mit François Cluzet oder die romantische Komödie „Un beau soleil intérieur“ von Claire Denis mit Juliette Binoche, Gérard Depardieu und anderen „monstres sacrés“ des französischen Films bringen eine Menge Glamour auf die Tübinger Leinwände. Auffällig ist jedoch: bei aller Vielfalt, die das frankophone Kino zu bieten hat, sind es in diesem Jahr vor allem Jugendliche, die im Mittelpunkt cineastischen Interesses stehen: der Junge aus der Pariser Banlieue, der von seinem Vater zu seiner Familie nach Burkina Faso geschickt wird in „Wallay“, das erblindende Mädchen in „Ava“, die jungen Klippenspringer in „Corniche Kennedy“ – allesamt großartige Coming-of-age-Filme oder cineastische Bildungsromane. Ist dieser Trend ein Zufall oder ein bewusster und besonderer Blick auf die Gesellschaft?

Quebec

TUKTUQ
(c) Indie Sales

In diesem Jahr spielt Quebec auf den Filmtagen eine Hauptrolle: Die kanadische Provinz ist ein Netzwerk, eine Kulturstadt, in der Kunst ernst und wichtig genommen wird. In Quebec werden mehr Filme produziert als in ganz Kanada – und sie werden international gezeigt.
Quebec ist schon lange ein spannendes Filmland. Festivalbesucher kennen die experimentellen und schrägen Filme von Denis Côté oder die klugen und anrührenden Werke von Anne Émond. Seit 10 Jahren gibt es viele junge und talentierte Regisseure, die sehr gute Filme mit sehr guten Drehbüchern schreiben. Die Filme zeigen eine Mischung aus französischer und amerikanischer Filmkultur. Europäische Kinogänger bemerken immer sofort das Französisch mit dem starken Akzent und dann die großen amerikanischen Autos und Häuser. Quebec ist so kosmopolitisch und multikulturell. Das spiegelt sich auf der Straße aber auch im Kino wider.

Fokus Afrika

FÉLICITÉ
(c) Grandfilm Dispo

Rechtzeitig zum 10. Todestag des senegalesischen Filmemachers Sembene Ousmane, der zweimal Gast auf den Französischen Filmtagen war, wird im Rahmen der traditionellen Afrikareihe der Film „Sembene!“ von Samba Gadjigo und Jason Silverman gezeigt. Den „Fokus Afrika“ gibt es bereits seit 30 Jahren und er ist ein fester und wichtiger Bestandteil der Französischen Filmtage – ebenfalls mit vielen Gästen und Rahmenveranstaltungen. Auf einer Podiumsdiskussion zum „Filmkontinent Afrika“ soll es in diesem Jahr vor allem um den Kongo gehen.

Discutons!

Zwei Jahre nach dem Anschlag auf den Pariser Club “Bataclan” wird “Spiegel”-Journalist Alexander Smoltczyk  seinen Film „Endstation Bataclan“ präsentiert, der die Banlieues porträtiert, in denen einer der Attentäter als Busfahrer unterwegs war.
Der Film „En quête de sens“ erzählt die Reise von zwei jungen Menschen, die sich auf den Weg machen, unsere Welt zu verstehen. Mit Kamera und Mikrofon haben Marc und Nathanaël eine Weltreise unternommen und Aktivisten, Philosophen, Biologen und Hüter von kulturellen Traditionen interviewt. Sie laden uns ein, unsere Sichtweise zu erweitern und die zunehmende Kommerzialisierung unserer Vorstellungen, Werte und Weltsicht zu hinterfragen. Was führt zu den gesellschaftlichen Krisen? Woher könnten Veränderungen kommen? Geben uns neue wissenschaftliche Erkenntnisse Ansätze für eine neue Perspektive auf die Welt? Ist die Zeit gekommen, neue Geschichten zu erzählen?
Wir zeigen diesen ungewöhnlichen Dokumentarfilm gemeinsam mit dem Lindenmuseum in Stuttgart im Rahmen der Reihe „Mit großen Erzählungen um die Welt“. Anschließend gibt es ein Gespräch mit dem Regisseur und Kameramann Nathanaël Coste.

Hommage an Pierre Véry

In Kooperation mit dem Haus der Geschichte in Stuttgart organisieren die Französischen Filmtage eine Filmreihe zu dem in den 30er-Jahren gefeierten Schriftsteller und Drehbuchautor Pierre Véry.
Pierre Véry schrieb unzählige Abenteuer-, Jugend- und Kriminalromane. „Romans de mystères“ voller Wunder, Grusel und Geheimnis, mit denen er seine Leserinnen und Leser begeisterte. 1938 wurde sein Roman „Les disparus de Saint-Agil“ erfolgreich verfilmt. Das war der Beginn seiner cineastischen Karriere.
Die Romanadaptation des Weihnachtskrimis „L’assassinat du Père Noël“ gehörte übrigens zu den Filmen, die von der deutschen Produktionsgesellschaft Continental und ihrem Chef Alfred Greven im von den Nationalsozialisten besetzten Frankreich produziert worden war. Eigentlich hatte Joseph Goebels seichte Propagandastreifen für das französische Kinopublikum vorgesehen, aber Alfred Greven hatte den Ehrgeiz, cineastische Spitzenprodukte herauszubringen – was ihm auch gelang.
Noël Véry, der Sohn von Pierre Véry, wird mit dem französischen Generalkonsul in Stuttgart Nicolas Eybalin über die Filme seines Vaters und die deutsch-französische Filmszene während des Nationalsozialismus diskutieren.

Film und Musik

Ist Filmmusik einfach nur die akustische Untermalung dessen, was auf der Leinwand passiert oder die konsequente Weiterentwicklung der klassischen, vor allem der symphonischen Musik? In jedem Fall ist Film ohne Musik nicht vorstellbar und die Auseinandersetzung mit der Musik zum Film ein Schwerpunktthema der Französischen Filmtage.
Deshalb werden in diesem Jahr drei Filmmusikkomponisten einladen, die „ihre“ Filme unter diesem besonderen Aspekt der Filmmusik vorstellen werden: Philippe Miller, der bereits seit 1990 regelmäßig für Theater, Kino und Fernsehen komponiert und seit 2015 die Abteilung Musiques actuelles am Konservatorium von Gennevilliers leitet, hat die Musik zu „Primaire“ von Hélène Angel geschrieben. Die uruguayische Komponistin Florencia Di Concilio hat in den USA und in Paris Musik (Komposition und Orchestrierung) studiert, arbeitet u.a. für Arte und präsentiert die Musik zu „Ava“ von Léa Mysius. Béatrice Thiriet hat die Musik zu „Corniche Kennedy“ von Dominique Cabrera geschrieben. Die Pariser Komponistin wurde 2015 für den César für ihre Musik in Pascale Ferrans „Bird People“ nominiert.
Die Moderation übernimmt der Filmkritiker Benoît Basirico, der sich auf Filmmusik spezialisiert hat. Die Reihe wird von der SACEM (Société des auteurs, compositeurs et éditeurs de musique) unterstützt, die so dazu beiträgt, die neue (Musik-)generation ins Scheinwerferlicht zu rücken.

Cinéconcerts sind ein fester Bestandteil des Filmtageprograms. In diesem Jahr verbinden wir mit „Au bonheur des dames“ Film, Musik und Literatur. In dem Stummfilm von 1930 verlegt Julien Duvivier Emile Zolas Roman um ein junges Waisenmädchen, das nach Paris kommt, um dort in einem der neu entstehenden großen Kaufhäuser die große Liebe und den großen Erfolg zu finden, in die Goldenen Zwanziger. „Au bonheur des dames“ ist eine Hymne auf den Fortschritt, auf den Glauben an die eigene Zukunft und auf die Liebe.
Jean-Yves Leloup von RadioMentale ist dem Tübinger Filmtagepublikum schon bestens bekannt durch seine kongeniale musikalische Interpretation des Klassikers „Sunrise“ von Friedrich Wilhelm Murnau 2015. Wir freuen uns sehr darauf, ihn wieder zu hören.
Jean-Yves Leloup mischt Einflüsse aus der Elektro- und Popmusik, lässt sich von Klassik, Originalfilmmusik und Jazz inspirieren und knüpft bisweilen an die experimentelle und avantgardistische Tradition an.

Ciné-École, Kurzfilme

Die 34. Französischen Filmtage Tübingen | Stuttgart verstehen sich auch als Kulturbotschafter für jugendliche Zuschauer: Sie möchten einen Beitrag dazu leisten, dass Film wie in Frankreich tatsächlich als 7. Kunst einen festen Platz in der kulturellen Bildung Jugendlicher erhält. Deshalb gibt es eine Jugendjury in Stuttgart und in Tübingen, die den „Preis der Jugendjury“ vergibt.

Mehrere Kurzfilmreihen, unter anderem von Unifrance, zeigen: mehr (experimentelles, ungewöhnliches, kunstvolles) Kino in kurzer Zeit geht kaum. Sie bieten einen üppigen Überblick über die Filmlandschaft und sie machen in ihrer unglaublichen Vielseitigkeit unglaublich viel Spaß.

Der Kurzfilmwettbewerb der Französischen Filmtage ist eine wichtige Destination für Filmemacher dieses besonderen Genres der Filmkunst.

Und weil es einfach zu lustig war, um es aufzugeben, veranstalten wir auch wieder einen Cinéslam, zeigen eine halbe Nacht lang mehr oder weniger spontan eingereichte Werke und lassen das Kinopublikum per Akklamation den witzigsten, schrillsten, schönsten Kurzfilm wählen.

 

 

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