Das Festival von Cannes erzählt Geschichten. Viele von ihnen handeln nicht vom Kino. Sie handeln von den Menschen, die es machen, die es anschauen, die es bewerten. Da geht es dann um diejenigen, die Zutritt haben zu den Mauern des großen Palastes, in das Grand Théâtre Lumière, in dem 10 Tage lang ein ganz eigener Mikrokosmos erschaffen wird. Wenn Wände sprechen könnten…Doch jene Geschichten, die uns berühren und schockieren, die uns nach-und überdenken lassen, die uns zum Lachen bringen und wütend machen, diese erzählt uns schließlich das Kino selbst. Es wandelt unsere dreidimensionale Realität in seine eigene zweidimensionale Realität um, es kommuniziert mit uns und wir mit ihm.
Realität als Motor des Geschichten-Erzählens?
Als Sean Penn, diesjähriger Jury-Vorsitzender in Cannes, bei der Eröffnung mitteilt, man wolle „jenem Regisseur die Goldene Palme verleihen, der sich vollkommen bewusst sei, in welcher Welt er lebe”, wird eines klar: Man sucht nach Filmen, die hin- und nicht wegschauen. Zehn Tage später erhält Laurent Cantet die Goldene Palme für seinen Film Entre les murs. Die französische Schauspielerin und Jury-Mitglied Jeanne Balibar resümiert: „Für mich ist genau dies Kunst in ihrer höchsten Form. Sie scheut sich nicht, Widersprüche aufzuzeigen. Sie zeigt die bittere Wahrheit, aber auch all die Hoffnung, die damit verbunden ist.”
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Entre les murs spielt sich im Kreis von Schülern und Lehrern des Collège Dolto im 20. Arrondissement Paris ab, einer der sozialen Brennpunkte der Stadt. Hier fand Cantet, wonach er suchte: Eine Schule, die in ihrer sozialen Struktur jener aus dem gleichnamigen Roman von François Bégaudeau ähnelt. Der Autor war selbst einmal Lehrer und machte seine eigenen Erfahrungen mit diesem Buch der Öffentlichkeit zugänglich. Fasziniert von der Schul-Welt ließ sich Cantet schließlich davon inspirieren: „Ich wollte unbedingt in diesen Mikrokosmos, in dem sich unsere Gesellschaft konstituiert, eindringen. Dieses Buch lieferte mir dafür das Roh-Material, das mir noch fehlte.”
Über den Zeitraum eines Schuljahres arbeitet er mit Schülern und Lehrern des Collège im Rahmen von regelmäßigen Workshops, bei denen Szenen des Schulalltags improvisiert werden. Woche für Woche entwickeln sich auf diese Weise die Film-Figuren und deren Geschichten: „Letztendlich hat sich die Klasse aus dem entwickelt, das sie selbst beigesteuert haben”, erzählt Cantet in einem Interview. „Dabei war mir sehr wichtig, dass es nicht darum ging sich selbst zu spielen.” „Dokumentierte Fiktion” nannte es Cahiers du Cinéma. Diese Wirkung des Films auf ein zwischen Dokumentation oder Fiktion zögerndes Publikum, ist von Cantet so angelegt. Sei es um die Menschen hinter den Figuren zu schützen oder aus film-ästhetischen Gründen, Entre les murs hütet sich vor jeglicher Form der Ideologie, die seinem Thema innewohnt.
Die Kamera begleitet eine Klasse im Schulalltag, sie zeigt uns manchmal motivierte Schüler, häufig jedoch demotivierte Schüler. Wir sehen Lehrer, die so ehrgeizig wie auch verloren scheinen. Sie sehen sich konfrontiert mit Jugendlichen im Alter von 13 – 16 Jahren, die durch ihren Alltag stolpern, meist über Selbstzweifel und Zukunftsangst. Cantet gewährt uns Einblick in diesen Mikrokosmos samt seiner komplizierten Strukturen und bewahrt dabei stets Respekt gegenüber seinen Figuren. Und so beobachten wir sie mit ihren Stärken wie auch Schwächen, ohne jedoch dabei über sie zu richten. Bégaudeau, der die Rolle des Lehrers im Film übernahm, betont, dass es sich nicht um eine Anklage des Schulsystems handeln soll. Anstelle sich „abseits der Dinge zu stellen und sie dann von außen zu beurteilen” sollten sie vom Inneren aus beobachtet werden.
Entre les murs handelt von der Schwierigkeit seine Identität zu entwickeln in einem Umfeld, in dem die Menschen nach ihren kulturellen Wurzeln bewertet werden. In diesem Sinn hat Cantet auch einen politischen Film gedreht. In einem Frankreich, dass sich eine Immigrationspolitik nach Zahlen auferlegt hat, nach der 25 000 Abschiebungen in diesem Jahr erfolgen sollen, zeigt der Film die Gesichter dahinter. Auch hier überschneiden sich Fiktion und Realität bei Cantet, der nicht nur in seinem Film von Opfern der Einwanderungspolitik erzählt, sondern auch in der Wirklichkeit mit ihren Problemen in Berührung kommt. So lernt er beim Dreh einige Eltern und Schüler kennen, die noch immer keine Aufenthaltsgenehmigung für Frankreich besitzen, die der permanenten Angst vor Ausweisung tagtäglich ausgesetzt sind. „Mit der Goldenen Palme 2008 hat die Realität einen Preis erhalten”, sagt eine Aktivistin der Bildungsinstitution RESF. Die Realität, das seien die sensiblen Arrondissements und Kinder ohne Aufenthaltsgenehmigung.
Wenn man das Festival von Cannes 2008 retrospektiv betrachtet, scheint der Sieg von Entre les murs gar nicht mehr so überraschend. Als zur Eröffnung Jury-Mitglied Jeanne Balibar von ihren Erwartungen an die kommenden Festival-Tage spricht, sagt sie: „Während wir hier 2 Wochen sitzen und uns Filme anschauen, werde ich an meine beiden Kinder denken, die in Paris zur Schule gehen. Alle zwei Wochen werden die Eltern eines ihrer Mitschüler aus Frankreich ausgewiesen. Ich werde vielleicht nicht beim Anschauen der Filme daran denken, aber vergessen werde ich es auch nicht.”






Das erinnert mich an den Film “Knallhart” über das Leben an der Schule und im Kiez von Neukölln in Berlin. Echt, wahrhartig, uneitel, krass, in jedem Fall authentisch. Du machst mich neugierig auf den Cannes-Preisträger-Film. Wann läuft der in Detuschland und wo in Berlin, wisst Ihr da schon mehr?
Übrigens: Wunderbares Foto mit schaurig schönem Himmel!
Laut Verleih kommt der Film unter dem Titel “Die Klasse” am 15. Januar 2009 in unsere Kinos. In Berlin war er im Rahmen der Französischen Filmwoche bereits im Juni 2008 zu sehen.