Die Frau die singt – Incendies (Incendies)

© Arsenal Filmverleih


Inhalt

Als der Notar Lebel den Zwillingen Jeanne und Simon Marwan den letzten Willen ihrer Mutter Nawal eröffnet, sind die beiden bass erstaunt, zwei Umschläge überreicht zu bekommen – einen Brief für ihren Vater, von dem sie glaubten, er sei tot, und einen für ihren Bruder, von dessen Existenz sie überhaupt nichts wussten. Jeanne glaubt, dass in diesem rätselhaften Erbe der Schlüssel zu Nawals Schweigen liegt, in dem sie die letzten fünf Jahre ihres Lebens verbrachte. Sie ist sofort bereit, in den Nahen Osten zu reisen, um die unbekannte Vergangenheit ihrer Mutter zu erkunden. Mit Hilfe des Notars kommen die Zwillinge der Geschichte der Frau, die sie auf die Welt brachte, auf die Spur und entdecken ihr tragisches, unwiderruflich von Krieg und Hass gezeichnetes Schicksal – und den Mut einer außergewöhnlichen Frau.
(Text: Verleih)

Kritik

Das Leben geht manchmal seltsame Wege. Am Einfachsten ist es, wenn es sich von zwei Seiten betrachten lässt: Anfang und Ende, Gut und Böse, richtig und falsch. Doch was passiert, wenn diese Schablonen nicht mehr greifen, weil sich das Leben als eine willkürliche Aneinanderreihung von getroffenen Entscheidungen und unausweichlichem Schicksal herausstellt? Ruft eine solche Erkenntnis Ohnmacht oder gar Befreiung hervor?

Es sind existenzielle Fragen wie diese, die sich während des Filmes „Die Frau die singt“ von Denis Villeneuve aufdrängen. Weil es hier um ein ganz persönliches, Generationen übergreifendes Familiengeheimnis geht, aber auch, weil Villeneuve nicht davor zurück schreckt, die Einzigartigkeit dieser Geschichte ganz universell zu erzählen: So führt die Reise von Kanada in ein fiktives Land im Nahen Osten. Zwar weist dies historische Überschneidungen mit dem Bürgerkrieg im Libanon auf, konkretisiert wird dies hier aber nicht. Zweifelsohne kommen Parallelen mit dem Autor der Geschichte, Wajdi Mouawad, zu Tage, der selbst im Libanon geboren ist und während des Bürgerkriegs mit seinen Eltern erst nach Frankreich und schließlich nach Kanada floh. Mouawad selbst betonte, dass es ihm in seinem Theaterstück nicht um Themen wie Identität und Krieg ginge, sondern einzig um den „Versuch, in einer unmenschlichen Situation seine Versprechen als Mensch zu halten“.

Dass nun Villeneuve in seinem Film dennoch darüber hinaus geht, dass er eben doch die ganz großen Themen wie Krieg, Gewalt und Vergebung zur Sprache bringt, kommt keineswegs einem Verrat an der Erzählung gleich. Im Gegenteil – gelingt es ihm doch stets, existenzielle Fragen aufzuwerfen ohne dabei den ganz intimen Blick auf die Hauptfiguren zu verlieren: Die Sehnsucht von Jeanne (Mélissa, Désormeaux-Poulin), das jahrelange Schweigen ihrer Mutter Nawal (Lubna Azabal) endlich zu verstehen, die Wut von Simon (Maxim Gaudette) über das Gefühl mütterlicher Ablehnung – Villeneuve deutet immer nur soviel an, wie für die Darstellung der Beziehungen nötig ist. Dabei ist er aber unglaublich präzise, fokussiert stets die Gesichter seiner Figuren, ohne sie jemals emotional auszuschlachten. Indem er die Suche nach dem Geheimnis mit Rückblenden aus Nawals Leben verwebt, ermöglicht er eine besonders intensive Bindung an seine Figuren. So erfährt man als Zuschauer immer nur soviel, wie die Zwillinge selbst über ihre Mutter erfahren; Nawals Erlebnisse laufen oft parallel zu denen von Jeanne: Als Jeanne während ihrer Suche im Heimatdorf von Nawal aufgrund ihrer familiären Wurzeln verstoßen wird, erfährt sie die gleiche Ablehnung wie einst ihre Mutter.

So erzählt Regisseur Villeneuve mit „Die Frau die singt“ viele Geschichten. Von der Welt und ihrer Willkürlichkeit; von einer Frau, die ihr Versprechen nicht halten konnte und daran zerbrach; von zwei Geschwistern, die ihre Mutter erst nach deren Tod wirklich kennenlernen. Am Ende decken Jeanne und Simon mit detektivischem Gespür das schreckliche Geheimnis ihrer Mutter auf und realisieren, welche Rolle sie all die Jahre im Schweigen der Mutter spielten – und dass sie es aufdecken mussten, um nicht genauso sprachlos zu werden.

Anne Kunzke

Presse

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