Die falsche Marilyn. Wie sich ein französischer Filmemacher im Sibirien Frankreichs dem amerikanischen Traum stellt

Gérald Hustache-Mathieu
Foto: Anne Kunzke

In „Who killed Marilyn?“ (Poupoupidou) begibt sich der Krimi-Autor Rousseau in die kälteste Stadt Frankreichs und wird plötzlich mit einem realen Mord konfrontiert. Die junge Frau Candice wird tot im Schnee aufgefunden. Doch entgegen der örtlichen Polizei glaubt Rousseau nicht an einen Selbstmord und ermittelt auf eigene Faust. Langsam taucht er ab in die Welt von Candice, die sich für eine der berühmtesten Ikonen unserer Zeit hielt: Marilyn Monroe.

Der Regisseur Gérald Hustache-Mathieu hat sich mit seinem Film an eine Mélange aus Film Noir, Drama und Komödie gewagt. Warum hier nicht nur Parallelen zu einem amerikanischen Superstar, sondern auch zu amerikanischen Filmemachern zu entdecken sind, darüber haben wir mit ihm in Berlin gesprochen.

(FranzösischerFilm) In deinem Film sagt ein Polizist „Wir sind hier nicht in Amerika, wir sind in Mouthe!“. Du selbst hast in einem Interview gesagt, dass es als französischer Filmemacher sehr schwer sei, sich vom amerikanischen Traum zu befreien. Bist du mit „Who killed Marilyn?“ diesem Traum hinterhergerannt oder hast du gegen ihn angekämpft?

(Gérald Hustache-Mathieu) Das ist eine schöne Frage. Zu Beginn der Dreharbeiten wusste ich nicht, dass ich dem hinterher laufe. Wenn der Polizist sagt „Wir sind hier nicht in Amerika“ dann bedeutet das auch für mich, dass ich nicht in Amerika bin. Manchmal habe ich die Amerikaner sehr um ihre Mittel, einen Film zu drehen, beneidet. Natürlich ist es eigentlich so, dass einem Filmemacher in seiner Phantasie keine Grenzen gesetzt sind, finanziell jedoch schon. Wenn ich einen Tag Zeit habe, bestimmte Szenen zu drehen, dann haben sie in Amerika vielleicht eine Woche dafür. Auf der anderen Seite erinnere ich mich an russische Spektakel, die ich in meiner Kindheit gesehen habe. Die haben mich sehr beeindruckt und waren voller Poesie. Einer Poesie, die allein daher rührte, dass sie eben nicht viel Geld zur Verfügung hatten. Und genau deshalb waren ihre Ideen so wunderschön!

Seitdem ich Filme mache, bin ich stets dieser Einschränkung konfrontiert. Mein Film erzählt im Grunde genau das: Von einem Regisseur, der nicht viel Geld hat, der in Mouthe ist und nicht in Amerika, der aber den gleichen Traum vom Kino hat. Letztendlich ist dies zu einem der Hauptthemen des Filmes geworden: Wie schaffe ich es, ich selbst sein? Wie schaffe ich es, frei zu sein, egal in welchen Umständen? Das Mädchen in meinem Film ist nicht Marilyn, er ist nicht James Leroy, ich bin nicht David Lynch.

Viele Kritiker haben deinen Film ja mit denen der Coen Brüder verglichen, vor allem mit „Fargo“. Mich selbst hat die Hauptfigur Rousseau auch sehr an Barton Fink erinnert. Stören dich solche Vergleiche eigentlich?

Überhaupt nicht. Gleichzeitig ist es aber auch sehr seltsam für mich. Zum Beispiel habe ich „Barton Fink“ damals überhaupt nicht gemocht. Als ich dann aber das Drehbuch zu „Who killed Marilyn?“ schrieb, sagte mir meine Co-Autorin: „Das ist ja lustig, das ist ja wie bei Barton Fink!“ Ich hatte den Film doch aber schon längst vergessen. Als ich mir Barton Fink dann noch einmal anschaute, realisierte ich, dass der Film irgendwas in meinem Unterbewusstsein ausgelöst haben muss. Mein Unterbewusstsein führt mich stets dahin, wo es will. So hatte ich lange Zeit überhaupt nicht verstanden, dass die Coen Brüder mir als Regisseure am nächsten stehen. Ich habe mich jedoch nie absichtlich an ihnen orientiert, sie machen einfach Dinge – wie auch David Lynch – die ich sehr mag.

Was zum Beispiel?

Die Amerikaner haben kein Problem damit ernste Filme zu machen und sich trotzdem zu amüsieren, indem sie auch witzige Szenen in einem dramatischen Film bringen. Wie im wahren Leben. Sie machen das mit einer Selbstverständlichkeit, die ich sehr bewundere. Bei David Lynch zum Beispiel kann man immer auch sehr Witziges und Burlesques entdecken.

Ich wollte dasselbe für meinen Film. Ich glaube sowieso, dass ich keine typisch französischen Filme mache. Aber anfangs war das sehr schwierig für mich, denn wenn du so einen „großen“ Film machst, denkst du immer auch an die Kritik. Du denkst, du musst jetzt ernsthafter sein, damit sie dich mögen. Als mir das klar wurde, wollte ich dagegen ankämpfen. Ich wollte diesen Film so machen, wie ich zuvor meine Kurzfilme gemacht hatte. Ohne an die Kritik zu denken. Und so habe ich alles hinein gepackt, das ich mag. Eine Hommage an Fellini – mit dem Mann, der im Baum hängt – , die gleiche Art von Kostümen wie in Fargo, weil ich die eben mag…

Und das Poster von „Fantômas“ auf dem Polizei-Revier…

Genau. Und ich dachte, die Kritiker werden sagen „Für wen hält der sich eigentlich?“ und ich sagte mir: „Egal!“. Es ist dann ja auch genau das Gegenteil passiert. Wahrscheinlich, weil ich mir treu gewesen bin. Dennoch ist es eben unheimlich schwer, sich seine eigene Freiheit zu bewahren.

Du spielst in deinem Film viel mit Symbolen. Die Nummer „Fünf“ zum Beispiel taucht andauernd auf…

(Lacht) Selbst hier in Berlin ist mein Hotelzimmer in der fünften Etage. Irgendwann hatte man Marilyn Monroe mal gefragt „Was tragen sie in der Nacht?“. Und Marilyn antwortete: „Chanel Nr. 5“. Mir gefiel die Idee, mit Nummern als Codes zu spielen, so wie in den Films Noirs auch. Und so haben wir in „Who killed Marilyn?“ mit der Zahl Fünf gespielt. Das hat sich dann auch auf unser Team übertragen, irgendwann trugen wir am Set sogar T-Shirts mit der „Fünf“ darauf.

Bei der Ästhetik deines Films scheinst du sehr viel Wert auf Farben gelegt zu haben, alles spielt sich zwischen Blau und Orange ab. Man meint, die Kälte von Mouthe gepaart mit der Wärme Kaliforniens zu spüren…

Wenn ich Filme mache, lege ich immer sehr viel Wert auf die Ausstattung. Tief in meinem Herzen wollte ich eigentlich immer Maler werden, ich habe mich nur nie getraut. Aber jedes Mal, wenn ich ein Atelier betrete, empfinde ich das als magischen Ort. Ich liebe Farben. Für mich sind Filme wie ein Handwerk aus verschiedenen Materialien, die ich zusammensetze. Bevor ich einen Film mache sehe ich sehr schnell bestimmte Farben. Ich weiß – wie ein Maler auch – in welchen Farbnuancen sich der Film abspielt. Das ist Regisseuren oft egal, vor allem in Frankreich, wo in Filmen das Hauptaugenmerk auf die Dialoge gelegt wird. Für mich aber ist der Dialog nicht das Wichtigste an einer Szene. Eine Szene muss auch ohne das Gesprochene immer noch interessant sein, sonst ist sie nicht gut.

Wie schätzt du denn generell den momentanen Zustand des französischen Kinos ein?

Ich möchte da Pasquale Ferrand resümieren (Regisseurin von „Lady Chatterly“, Anmerkung d. Red.), die das auf der César-Verleihung ganz treffend beschrieb: Früher gab es in Frankreich kleine Film-Produktionen, die mit wenig Geld umgesetzt wurden, in wenigen Kinos liefen. Und es gab immer auch die riesigen Produktionen, adressiert an ein großes Publikum, wie „Asterix“. Aber das, was das französische Kino ausmachte, waren vor allem die ‘Filme der Mitte’, wie z.B. von Francois Truffaut. Filme, die weder Low Budget noch mit einem riesigen Budget ausgestattet waren, aber dennoch originell und visionär sein konnten. Die haben relativ leicht ein Publikum gefunden. Heute ist es schwer geworden, Filme zu finanzieren. Heute zählt von Anfang an nur der Erfolg. Natürlich kann man einen guten Film mit wenig Geld machen, aber die aktuelle Lage erlaubt vor allem jüngeren Regisseuren nicht, sich entwickeln und entfalten zu können. Die Regisseure werden weniger bei ihrer Karriere begleitet.

Und dennoch wird das französische System der Filmförderung weltweit beneidet, wie erst kürzlich auch von Seiten der Amerikaner nach dem Erfolg von „The Artist“…

Ja. Und gleichzeitig ist es eben heikel, sich zu beschweren, denn im Jahr kommen ja immerhin über 200 französische Filme ins Kino.

Und in deinem nächsten Film dreht sich alles um einen Superhelden?

„Who killed Marilyn?“ ist ja auch ein sehr melancholischer Film. Als nächstes Projekt möchte ich einen Film machen, der näher dran ist an einer Liebeskomödie. Ein sehr schönes Genre….

Da gibt es aber nicht viele Regisseure, die sich trauen, das zu sagen.

Innen drin bin ich ja auch ein Mädchen. Nein, im Ernst: Für mich stehen Gefühle einfach immer im Vordergrund. Das ist doch das, was den Menschen ausmacht. Deshalb ist das ein schönes Genre. Genau wie das der Superhelden-Filme. Ich habe immer gewitzelt, Spiderman sollte mich anrufen um einen Film zu machen. Nur ich verstehe Peter Parker. Wenn man Filme macht, dann spielt man sich auch immer auf wie ein Superheld, muss über sich hinaus wachsen. Ich kommandiere den ganzen Tag Leute rum, mache sie mir zu Nutzen…Die Amerikaner machen Popcorn-Filme daraus oder sie machen so etwas wie Batman. Ich glaube aber, man kann das auch noch anders erzählen. Denn im Inneren suchen wir doch alle unseren eigenen Superhelden. Darum wird es in meinem nächsten Film gehen. Ich schreibe gerade das Drehbuch, dann muss ich nur noch das Geld dafür zusammenbekommen…

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