Das Phänomen „The Artist“ – reine Formsache?

 

© Delphi Filmverleih

Vor allem Hollywood ist aufgeregt. Darüber, dass eine scheinbar vergessene Filmkunst wieder Einzug in die Kinos hält. Eine, die den Grundstein für das heute mächtigste Filmimperium legte und nun zum zweiten Mal groß gefeiert werden darf. Der Stummfilm erlebt sein Comeback und alle Welt will daran teilhaben.

Dabei war das Filmprojekt von Michel Hazanivicius schon als Idee zum Scheitern verurteilt. Man muss sich keinen geldfixierten, bösen Produzenten vorstellen um eine Ahnung davon zu bekommen, welche Reaktionen Hazanavicius auf seine Stummfilmidee bekam. „Die meisten waren bestenfalls amüsiert.“ Wie dann doch alles anders kam, erinnert an das Tellerwäscher-Millionär-Märchen: Regisseur glaubt an seine Idee, gewinnt guten Produzenten für sich, populäre Schauspieler folgen und der Film wird zum Überraschungserfolg schlechthin. Bisheriger Höhepunkt sind die 10 Oscar-Nominierungen. Und das alles einem französischen Film… Eine bessere Geschichte zu allen gemalten „Carpe Diem“s auf den Wänden dieser Welt hätten sich auch kluge PR-Köpfe nicht besser ausdenken können.

Noch viel entscheidender als dieses zugegebenermaßen sympathische Drumherum (wenn Jean Dujardin davon erzählt, wie ehrfurchtsvoll er nach den Dreharbeiten durch die Hollywood-Studios streifte, könnte man meinen, er wäre ein auf der Straße zufällig gecasteter Durchschnittsfranzose) ist Hazanavicius‘ Gespür für die Zeichen der Zeit. Zwar ist ein Stummfilm-Dreh in Zeiten des riesigen kommerziellen Erfolgs von 3D-Produktionen wie „Avatar“ auf den ersten Blick komplett anachronistisch, doch letztlich begegnet Hazanavicius damit einer großen Sehnsucht unserer Epoche nach dem Einfachen und Handgemachten. Er führt das Publikum dorthin, wo die Dinge noch greifbar und verständlich sind; in eine Zeit, in der eine Meinung noch so lange Bestand hat, bis die nächste Zeitung gedruckt wird. Insofern könnte man sagen, Hazanavicius habe mit „The Artist“ eine Time Out-Zone vom 21. Jahrhundert geschaffen. Ein „Memento Mori im Zeitalter der Delete-Taste“, wie kürzlich in der amerikanischen Filmpresse zu lesen war.

Doch „The Artist“ tut nur so. Wenn das Publikum plötzlich zusammen mit dem Protagonisten die Welt der Alltagsgeräusche entdeckt, ist der Ton plötzlich für einen kurzen Moment da. Das ist nicht nur witzig, es zeigt auch, dass Hazanavicius bewusst den Blick der Gegenwart wählt, ja sogar damit spielt. So bleibt während des gesamten Films spürbar, dass der Stummfilm hier nur Stilmittel ist – frei gewählt, denn technisch nicht notwendig. Und eben hier liegt das Problem.

© Delphi Filmverleih

Zwar ist „The Artist“ damit zweifelsohne eine ganz besondere Hommage an das Kino geworden, aber gerecht wird er dieser Form nicht. Es genügt eben nicht, die Figuren des Tones zu berauben um die Intensität eines Murnau zu erreichen. Zu dünn ist die Geschichte vom fallenden Stummfilmstar George Valentin, zu vorhersehbar und den Darsteller stets zu sehr umschmeichelnd. Vielleicht liebt Hazanavicius seine Figuren zu sehr, um sie ganz und gar in menschliche Abgründe zu werfen. Und die hätte seine Story durchaus zu bieten. Statt jedoch mit einer kritisch-weisen Distanz auf jene einschneidenden Jahre des gesellschaftlich-technologischen Umbruchs zurückzublicken (und das wäre in einer Hommage durchaus möglich gewesen), ist Hazanavicius der riesige Respekt vor Hollywood 90 Minuten lang anzumerken. So hat er diesen unglaublichen Vorteil, als Regisseur des 21. Jahrhunderts einen Stummfilm zu drehen, nicht konsequent genutzt.

Von all den Dingen, die derzeit über „The Artist“ geschrieben werden, kann eines nicht oft genug betont werden: Dass es unglaublich mutig war, diesen Film zu machen. Weil er unsere digital-geprägte Welt wieder allein auf die Kraft menschlicher Körperlichkeit zurückwirft. Dass eine breite Masse diese Erfahrung im Kino überhaupt machen will, ist ein Verdienst, der nicht unterschätzt werden sollte – auch, wenn Michel Hazanavicius letztendlich nur einen Wohlfühl-Film daraus gemacht hat.

Anne Kunzke

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