Couscous mit Fisch (La graine et le mulet)

Couscous mit Fisch

Inhalt

Slimane Beiji ist ein Hafenarbeiter in den Sechzigern im südfranzösischen Sète. Seine Arbeit wird von Tag zu Tag anstrengender, der Verdienst immer geringer. Wenn auch von seiner Frau geschieden, bleibt Slimane in der Nähe seiner Familie, trotz aller Probleme und Streitigkeiten, die immer wieder erneut ausbrechen. Verschärft wird seine Situation durch finanzielle Sorgen und das zunehmende Gefühl der Nutzlosigkeit.
All dem stellt Slimane seinen Traum entgegen: die Eröffnung eines eigenen auf Couscous und Fisch spezialisierten Restaurants. Dieses Projekt vereint trotz der finanziellen Schwierigkeiten und Probleme nach und nach die gesamte Familie und wird zum Symbol für ein besseres Leben. Dank des optimistischen Pragmatismus und des Einsatzes aller nimmt der Traum allmählich Gestalt an … wenn auch etwas anders als erhofft.

Text: Verleih

Kritik

Slimane ist alt geworden. Die Falten in seinem Gesicht scheinen wie Zeugnisse einer bewegten Vergangenheit, die uns durch seine dunklen Augen anblickt. Mit einer seltsamen Mischung aus Stolz und Enttäuschung, Hoffnung und Resignation, Lebenswillen und Erschöpfung tritt er uns gegenüber und lange weiß man als Zuschauer nicht so recht, WER er eigentlich ist, dieser Mitt-Sechziger Hafenarbeiter maghrebinischer Herkunft, der so selten lächelt und nicht viel spricht. Neugierig wollen wir ihn „aushören“ und kapitulieren schließlich vor seiner scheinbaren Stummheit um dann festzustellen, dass sich all das, von dem seine Augen erzählen, eben nicht in Worte kleiden lässt. Also werden wir zum Beobachter.
Regisseur Abdellatif Kechiche gibt seinem Publikum viel Zeit um Slimane und die Menschen, die ihn umgeben, kennen zu lernen. Er zeigt Situationen ihres Alltags, offenbart Momente voller Glück und Leid und verbirgt dabei weder die Großzügigkeit noch den Egoismus und die Missgunst seiner Figuren. Wir sehen Familienessen in Echtzeit, bei denen geschmatzt und gelacht, manchmal auch geschwiegen wird. Die Bilder Kechiches sind das, was man gemeinhin wohl als „ehrlich“ bezeichnen würde. Und tatsächlich wirkt das, was sich da zweieinhalb Stunden vor unserem Auge abspielt, so alltäglich und unaufgeregt, die Darsteller in ihren Rollen gleichzeitig aber so ernst genommen, dass ein konstruierter Spannungsbogen (bis auf den Schluss) völlig fehlt. Kechiche muss ein Verehrer des „Banalen“ sein, um diesen Film machen zu können. Schnell drängt sich der Gedanke an eine Dokumentation auf.
Vielleicht auch deshalb, weil Kechiche mit diesem Film mehr denn je Erfahrungen aus seinem eigenen Leben einfließen lässt: „Diesmal verrät die Darstellung der Charaktere sehr viel über mich. Ich habe mich stark von meiner Familie inspirieren lassen, obwohl die Geschichte reine Fiktion ist.“ Sogar die Rolle des Slimane, die er nach eigenen Aussagen stark an seinen Vater anlegte, sollte von eben diesem verkörpert werden und wurde selbst nach dessen Tod nicht von einem professionellen Schauspieler, sondern von einem alten Arbeitskollegen des Vaters – einem Hafenarbeiter wie Slimane – übernommen.

Rym (Hafsia Herzi) und Slimane (Habib Boufares)

© Arsenal Filmverleih

„Couscous mit Fisch“ sollte das Porträt einer Familie werden, die sich selbst als normale französische Familie sieht, für einen Teil seiner Mitbürger jedoch stets als fremde Kultur wahrgenommen wird. Hierbei zieht der Regisseur auch einen Querschnitt durch eine Gesellschaft, innerhalb derer immer zwei Seiten existieren – die, der „Echten“ (Franzosen) und die, der „Einwanderer“ – „Bei uns in Frankreich jedenfalls“ sagt man zu Slimane einmal auf dem Amt.
Dennoch prangert Kechiche niemals an, sondern zeigt und überlässt das Werten seinem Publikum. Dabei macht er es ihm jedoch alles andere leicht: Wenn Slimane mit seiner Stieftochter von Amt zu Amt läuft um die Bürokraten allein mit Hoffnung in seinen Augen von der Eröffnung seines eigenen Restaurants zu überzeugen, oder wenn er seiner Ex-Frau frisch gefangenen Fisch mit nach Hause bringt und diese abfällig meckert „Das stinkt“, dann ahnt man, dass die Gräben nicht nur zwischen den Milieus gezogen werden.
In diesem Film ist es letztendlich der Couscous, der den Zusammenhalt stärkt und Grenzen aufbricht. Das mag zuerst absurd klingen. Bedenkt man aber, dass es als typisch maghrebinische Speise mittlerweile zum Lieblingsgericht der Franzosen aufgestiegen ist, bekommt die Bezeichnung „Esskultur“ plötzlich eine ganz andere Tragweite. Und die war bestimmt selten so hoffnungsvoll.

Anne Kunzke

 

Auszeichnungen

CÉSAR 2008:
Bester Film
Abdellatif Kechiche: Beste Regie, Bestes Originaldrehbuch,
Hafsia Herzi: Beste Nachwuchsdarstellerin
Filmfestspiele von Venedig 2007
Spezialpreis der Jury
Hafsia Herzi: Marcello-Mastroianni-Award als Beste Nachwuchsschauspielerin

Trailer

Deutsch


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