“In Marseille gibt es einen Hang zur Show!”

Er sei nicht oft in Berlin, entgegnet er fast ein wenig entschuldigend auf die Frage, welche deutsche Stadt am ehesten dem Charakter von Marseille nahe komme (Wir Berliner Journalisten haben natürlich an Berlin gedacht!). Dabei ist Robert Guédiguian sogar zur Hälfte Deutscher, schwärmt von Brecht, Kant und Döblins „Alexanderplatz“. Vor einigen dieser „Lehrmeister“, wie er selbst sagt, wollte er sich mit seinem aktuellen Film “Café Olympique” (Au Fil D’Ariane) verneigen. Und so kommt es zum Beispiel, dass mit „Wie man sich bettet, so liegt man“ Brecht/Weill vor den Pinien der Küste Marseilles erklingen. Was für den ehemaligen Soziologen und – wie er selbst häufig betont – politischen Regisseur (zuletzt „Schnee am Kilimandscharo“) mit diesem Film so ganz anders lief als üblich, aber auch über seine großen Konstanten, sprachen wir mit ihm in Berlin.

© Anne Kunzke

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FranzösischerFilm.de: Würden Sie ihren Film als verrücktes Märchen oder gar Musikkomödie bezeichnen? Die politische Botschaft – üblicherweise von essentieller Bedeutung in ihrem Werk – kommt ja diesmal doch vergleichsweise subtil daher. Und doch kann man sagen, bei „Café Olympique“ geht es vor allem um Solidarität, oder?

Robert Guédiguian: Mir ging es vor allem um eine universelle Brüderlichkeit. Eine, die sich im Spiel wiederfindet oder eben im Spaß, in der Freude am Träumen oder miteinander Geburtstag zu feiern, in der Freude, jemanden zu überraschen. Dieses Gefühl besitzt meiner Meinung nach auch etwas sehr Spektakelhaftes.

Ich stimme Ihnen zu: Der Film ist ein Märchen, aber auch verrückt und eine Komödie – er ist eben von allem etwas. Es ist ganz simpel: Ich habe diesen Film gemacht, weil ich unbedingt zu einer Art Freiheit zurückfinden wollte, zu einer ursprünglichen Freude. Eine, sowohl am Filmen als auch am Dekor, an den Bildern – denen ich hier viel Aufmerksamkeit gewidmet habe – an den Kostümen, an den Schauspielern, am Drehbuch. Bei der Handlung kann man sicherlich von Nonsense sprechen, wie die Engländer sagen würden. Ich bin da von der heutigen Organisation unserer Welt ausgegangen – die Bilder am Anfang wurden von befreundeten Architekten gedreht – und habe mich dann am “Arianefaden” (fil d’Ariane) entlanggehangelt und die Handlung entwickelt. Es gibt keine Botschaft, sondern Motive, oder mehrere Botschaften, die immer wiederkehren bei mir. Während ich die Erzählung entwickelt habe, stellte ich fest, dass dieser Arianefaden mein ganz eigener war. Ich laufe mit Ariane Themen ab, die ich schon oft bearbeitet habe: die Zeit, die vergeht, das Kabarett, die Fabriken, die alten Leute, die im Café singen. Man kann sich denken, dass die in den Fabriken gearbeitet haben, und sie singen Jean Ferrat, weil er ein volksnaher Sänger war, politisch links. Das ist ein Sänger der Arbeiterklasse, das ist alles verschwunden, da gibt es auch eine Nostalgie.

© Schwarz-Weiss

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Diese Themen habe ich in anderen Filmen gründlich entwickelt, hier deute ich sie nur an, es ist ein extravaganter Spaziergang. Und es ist ein Film mit allen Freunden, oder sagen wir mal Wegbegleitern, die mir geholfen haben, das zu werden, was ich bin, was das Schauspiel oder die Bühne angeht, oder mein Denken, meine intellektuelle Entwicklung. Ich zitiere im Film Brecht und Pasolini, Tschechow, Shakespeare, das sind meine Lehrer. Oder Fellini, Godard, Jean Ferrat, durch ihn Aragon, ich zitiere Sartre, der Film ist voller Zitate und Anspielungen. Das sind keine Referenzen, sondern Reverenzen. Ich danke diesen Menschen und ziehe den Hut vor ihnen. Bei meinen sonstigen Filmen ist es manchmal harte Arbeit und anstrengend, die Realität in den Film hinüberzubringen. Hier wollte ich etwas Spielerisches machen, was Anlass zur Freude gibt. Zwischen zwei schwierigen, ernsthaften Filmen wollte ich mal etwas Leichtes, Extravagantes machen.

FF.: Beim Entwickeln des Drehbuchs hatten Sie offensichtlich große Freude am Übertreiben. Für mich entsteht da sofort eine enge Verbindung zwischen ihren Figuren und der Stadt Marseille. Eine Stadt, die zwar einerseits sehr bodenständig und unprätentiös ist, die einem andererseits aber Tag für Tag ein neues Spektakel, eine andere verrückte Geschichte bietet. Wie sehr beeinflusst Sie dieser Ort in Ihrem künstlerischen Schaffen?

© Schwarz-Weiss

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R.G.: Natürlich trage ich dieses Erbe in mir. In Marseille gibt es Theatralität, einfache Menschen geben ihren Erzählungen eine bestimmte Form. Die Leute sagen nicht einfach, mir ist das und das passiert, sie nehmen verschlungene Wege, machen daraus eine Geschichte. Setzen auch den banalsten Bericht über einen Arztbesuch in Szene. Ein bisschen wie in Italien. Auf den Straßen von Marseille gibt es einen gewissen Hang zum Regie führen, zur Show. Eine banale Geschichte kann dort leicht mal zwei Stunden lang aufgebauscht werden.
Ich bin genauso gestrickt. Aber ich hab wahrscheinlich auch eine rational-philosophische Seite, vielleicht weil ich zur Hälfte Deutscher bin. Und dann ist man einfach, wie man ist. Ich bin rational und völlig verrückt, und ich liebe die Show, die Bühne, obwohl man mich immer für sehr politisch hält. Aber ich sehe da keinen Widerspruch.

FF.: An Ihrem Akzent hört man, an Ihren Filmen sieht man gleich, dass Sie aus Marseille kommen. An Ihrem Namen erkennt man, dass Sie armenischer Herkunft sind. Aber wohl nur die Wenigsten wissen, dass Sie auch eine deutsche Hälfte haben, in Ihren Filmen sieht man das jedenfalls nicht. Hatten Sie schon einmal Lust einen Film in Deutschland zu drehen?

R.G.: Stimmt, meiner Filmografie sieht man das nicht unbedingt an. Aber wenn ich in Deutschland drehen würde, wäre das ja nicht viel anders. Deutschland, Frankreich, Europa sind im Großen und Ganzen äquivalent – was die Landschaft angeht, die Städte sind wir nicht so weit voneinander entfernt. Den Film „Schnee von Kilimandscharo“ hätte ich auch in Hamburg drehen können. Ich mache es nicht, denn ich bin ja nun mal aus Marseille. Ich würde auch sagen, dass ich eher von der deutschen Literatur und Philosophie beeinflusst wurde. Marx und Freud habe ich früh gelesen, Brecht kenne ich auswendig. Gerade lese ich wieder Kant, in einer zweisprachigen Ausgabe. Meine Lehrer sind die deutschen Philosophen.

FF.: Sie haben einmal gesagt, sie würden keinen Film machen, der nicht zur Diskussion beitrage. Was trägt „Le fil d’ariane“ zur Diskussion bei?

R.G.: Vielleicht, dass das, was Fantasie und Traum zum Leben beitragen, auch wichtig ist. Und dass es so etwas wie eine universelle Brüderlichkeit gibt; keine korporatistische Brüderlichkeit, sondern eine weltumfassende, eine Brüderlichkeit zwischen einem Afrikaner und zwei Chinesen wie im Film zum Beispiel. Nicht die Brüderlichkeit innerhalb einer Familie, sondern die, die man sich ausgesucht hat. Etwas Umfassenderes, eine offene Brüderlichkeit. Davon gibt es immer weniger. Weniger Entwürfe dafür. Und was diesen Zusammenhalt in der Arbeiterbewegung oder im Kommunismus angeht, so ist das ja auch gescheitert, richtig gescheitert.

FF.: Wie hat das französische Publikum Ihren Film aufgenommen?

R.G.: Gut, auch in anderen Ländern, Spanien zum Beispiel, wurde er ganz gut aufgenommen. Das Publikum ist faul, die wissen aber, worum es hier geht, die schmollen dann ein bisschen, sagen dann, nee, der ist ja nicht politisch, dann warten wir mal auf den nächsten, den hier können wir uns dann im Fernsehen angucken. Aber wenn auch nur die Hälfte der Leute kommt, reicht das finanziell völlig aus.

FF.: Sie arbeiten ja immer mit den selben Schauspielern und Schauspielerinnen. Wie verhindern Sie, künstlerisch nicht auf der Stelle zu treten, sondern stets andere Perspektiven zu gewinnen?

R.G.: Die Welt verändert sich, mein Blick auf die Welt und die Art, wie ich die Realität angehe. Ich vergleiche das oft mit einer festen Theatergruppe, wenn da Molière, Shakespeare, Brecht oder Goldoni gespielt wird, ist das ja auch immer anders. Bei mir sind einige junge Leute dazugekommen, die haben in drei Filmen mitgespielt und gehören jetzt dazu. Ich kann mich immer wieder erneuern. Es gibt ja auch Regisseure, die jedes Mal mit anderen Schauspielern arbeiten, aber eigentlich seit dreißig Jahren den gleichen Mist erzählen.

© Schwarz-Weiss

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FF.: Sie bereiten  gerade einen Film über den armenischen Genozid vor. Zudem sind Sie mit ihren deutsch-armenischen Wurzeln quasi sogar doppelt belastet. Wie sollte man Ihrer Meinung nach mit einem solchen geschichtlichen Erbe verfahren, wie der Nachwelt aufbereiten?

R.G.: Ja, das ist in der Tat eine wichtige Frage. Ich denke, man kann als Regisseur auf jeden Fall einen Beitrag leisten. 2009 habe ich ja „L‘armée du crime“ gedreht (über eine kommunistische Widerstandsgruppe im Zweiten Weltkrieg, Anmerkung FF). Der Film wurde in vielen Schulen gezeigt. Wenn es den Film nicht gegeben hätte, hätten die vielleicht nie etwas davon gehört. So viele Orte und Menschen sind verschwunden, das kollektive Gedächtnis darf nicht nur über die Schule weitergegeben werden, es muss von allen Gesellschaftsschichten getragen werden. Was beispielsweise die Geschichte der Arbeiterklasse angeht, so sorgen immer weniger Gewerkschaften oder politische Parteien dafür, dass diese Geschichte im Gedächtnis bleibt.
Unser heutiger Umgang mit Zeit sowie die Beziehung zum Moment, zum Vergänglichen – gerade auch durch das Internet – sorgen meiner Meinung nach dafür, dass wir weniger über Erinnerungen verfügen. Darüber wird ja in meinem jetzigen Film auch gesprochen, über das Vergessen.
Ich will mit meinem Handwerk, dem Filmen, dazu beitragen, das Vergessen zu verhindern. Man darf nicht vergessen: Geschichte wird von den Siegern geschrieben, zum kollektiven Gedächtnis gehört aber auch die Geschichte der Besiegten, Deshalb habe ich „L‘armee du crime“ gedreht und drehe ich jetzt den Film über den armenischen Völkermord.

FF.: Sie haben ja immer Filme gedreht um – wie Sie sagten – die Welt zu ändern. Wenn Sie jetzt sehen, wie die Welt aussieht, zum Beispiel die Arbeitswelt, sind Sie da nicht enttäuscht?

R.G.: Ich würde da Tschechow zitieren, der von einer sanften Resignation spricht. Was kann man machen, die Toten begraben, die Lebenden reparieren, so hat er das als Arzt gesagt. Letztendlich versuche ich das so zu halten wie Tschechow. Na gut, ich habe vielleicht weniger Talent als er… (lacht)

FF.: Heute gibt es ja die Arbeiterwelt nicht mehr, heute trägt man weiße Hemden und wird trotzdem ausgebeutet. Könnten Sie Filme darüber drehen? Über den Versandhandel oder Callcenter?

R.G.: Eigentlich ist das alles schlimmer als Fabrikarbeit am Anfang des letzten Jahrhunderts. In Frankreich gab es ja eine Selbstmordwelle in den Verteilerhallen. Die Leute, die dort arbeiten, werden täglich mehrmals kontrolliert, ständig überwacht. Das ist eine verrückte Welt. Da ist man näher an Kafka als an Capra. Vom Ästhetischen her habe ich keine große Lust, in Büros zu drehen. Manche machen das aber sehr gut. Ich mache Filme mit visuellen Elementen, die mir gefallen, das ist meine Sprache. Auf den Docks von Marseille zu drehen, mit dem Meer nebenan und dem Sonnenuntergang, den Wellen und einem vorbeifahrenden Schiff – das entspricht mir eben eher.

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